Einst beschlossen die Vögel, dass sie einen König bräuchten. Sie wollten denjenigen zu ihrem Herrscher machen, der am höchsten fliegen könnte. Der größte Vogel, der Adler, schwang sich höher als alle anderen in die Lüfte. Doch auf einmal flog ein Vogel noch höher: der Zaunkönig. "Wie hat der das gemacht?", fragten sich die anderen Vögel. Ganz einfach: Der schlaue Zaunkönig hatte sich in den Federn des Adlers versteckt und als dieser hoch in der Luft war, kam der Zaunkönig hervor und flog noch ein Stück höher als der Adler. Durch diese List schaffte es der Kleine, "König der Vögel" zu werden.
Seit einigen Monate haben wir das Gefühl, dass wir den Überblick darüber verloren haben, was in der Welt geschieht. Unser Alltag ist gestört, viel Unsicherheit und Angst ist in der Luft. Wir suchen nach Erklärungen, nach Ursachen, um zu verstehen. Verschwörungstheorien machen ihre Runde, wir suchen nach «jemanden», der das alles verursacht hat. Es ist ein uraltes Muster, je-manden anschuldigen zu können, wenn Einbrüche in unser «normales» Leben geschehen. Die Geschichte der Menschheit liefert genügend Beispiele dafür.
Der Mensch wird unschuldig schuldig (Friedrich Weinreb)
Wir wollen gut sein. Was ist unser Verständnis, wodurch sind wir gut? Wenn wir nur keine Schwierigkeiten machen für andere und die Menschen uns als «lieb und gut» erfahren?
Wenn es uns bewusst wird, dass wir Leid verursacht haben, schmerzt es. Es ist ein brennender, stechender Schmerz. Wir möchten davon loswerden. Es geht nicht – was geschehen ist, kann nicht rückgängig gemacht werden.
Ein Fluchtweg aus der unerträglichen Spannung ist den Schmerz hinunter zu transformieren: wir entwickeln ein schlechtes Gewissen. Was hilft es Schuldgefühle zu nähren? «Wenigstens habe ich Schuldgefühle» ist ein Büßen für ein Fehlverhalten? Wird dadurch dem «Opfer» geholfen? Oder mir? Mit keinem Gefühl können wir an einer Tatsache ändern. Unser Zustand muss sich ändern, damit die zerstörte Harmonie wiederhergestellt wird.