26
März
2015

Die Geburtsgeschichte aus dem Evangelium nach Lukas

Die Geburtsgeschichte aus dem Evangelium nach Lukas

«Viele haben es schon unternommen, Bericht zu
geben von den Geschichten, die unter uns geschehen sind, wie uns die überliefert
haben, die es von Anfang an selbst gesehen haben und Diener des Worts gewesen sind.

So habe auch ich’s für gut gehalten, nachdem ich alles von Anfang an
sorgfältig erkundet habe, es für dich, hochgeehrter Theophilus, in guter Ordnung
aufzuschreiben, damit du den sicheren Grund der Lehre erfahrest, in der du
unterrichtet bist.» (Lukas 1, 1-4)

DIE WIDMUNG

 

«Viele haben es schon unternommen, Bericht zu
geben von den Geschichten, die unter uns geschehen sind, wie uns die überliefert
haben, die es von Anfang an selbst gesehen haben und Diener des Worts gewesen sind.

So habe auch ich’s für gut gehalten, nachdem ich alles von Anfang an
sorgfältig erkundet habe, es für dich, hochgeehrter Theophilus, in guter Ordnung
aufzuschreiben, damit du den sicheren Grund der Lehre erfahrest, in der du
unterrichtet bist.» (Lukas 1, 1-4)



Es klingt wie eine einfache, persönliche Widmung. Bei näherem Anschauen aber sagt diese kleine Einführung mehr aus. Die Griechen haben sich nicht als Europäer betrachtet; ihre Tradition wurzelt im Bereich des Mittleren Ostens. In der Antike und in den spirituellen Traditionen des Mittleren Ostens wird bis heute noch in der unscheinbaren Formulierung einer Widmung bereits der Inhalt eines Werkes angekündigt. Es ist wie eine Ouvertüre: die musikalischen Themen des Stückes klingen bereits an.

In dieser Widmung gibt es keinen Hinweis, dass die angekündigten Geschichten über Jesus als Person handeln. Was von Luther mit «unter uns» übersetzt wurde, könnte genauso gut «in uns» bedeuten. Auch «Diener des Wortes» deutet nicht darauf hin, dass es sich um eine äussere Geschichte handelt. Besonders nicht, wenn wir wissen, dass im griechischen Originaltext von Logos und nicht vom gesprochenen Wort die Rede ist.

Logos ist «das Wort, das bei Gott (war), und Gott war das Wort»(Joh. 1, 1). Mit unseren Begriffen bleiben wir in den menschlichen Dimensionen, in dem in der Zeit ausgesprochenen, in seiner Bedeutung dauernd ändernden Wort. Was Gottes Wort, Logos, ist, können wir nicht erfassen. Darin ist die Idee der ganzen Schöpfung enthalten, die durch den Klang des Schöpfungsaktes den kosmischen Prozess in Gang gesetzt hat, und ihn in jedem Augenblick neu erschafft. Es beinhaltet all die kosmischen Ideen, Gesetze und Zusammenhänge, all die Möglichkeiten und Grenzen, die allen Manifestationen und Prozessen, die sie erfahren, zu Grunde liegen.

Logos ist nicht etwas, was «vor 2000 Jahren gültig war, heute aber nicht mehr». Logos ist das Wort, das in jedem Augenblick der Schöpfung seinen Ausdruck findet. Logos bestimmt jeden Moment die Schöpfung in der Zeit, hatte Gültigkeit, bevor unser Sonnensystem entstand und wird Gültigkeit haben, wenn unser Planet nicht mehr existiert. Logos erschafft in jeden Augenblick das Neue, was überhaupt Existenz hat, auf allen Ebenen und in jeder Grössenordnung.

Es handelt sich also um eine Überlieferung, die von denen erzählt wurde, die «von Anfang an» selbst gesehen haben, d. h. erfahren haben. Nur diejenigen, die aus Erfahrung um den Logos wissen, können in seinem Dienste stehen.

Jede spirituelle Tradition arbeitet mit anderen Möglichkeiten des Ausdrucks. Jede Art von Ausdruck hat ihre Vorteile und Begrenzungen. Das Christentum drückt sich durch die Personifizierung innerer Instanzen und Vorgänge aus. Das ist auch die Sprache unseres Unbewussten, das sich in den Träumen durch Bilder mitteilt. Der Nachteil dieser Form ist, dass die Geschichten, d.h. die erzählten Bilder, nach aussen leicht als geschichtliche Ereignisse projiziert werden.

Wir sind so stark auf die Erzählungen, als von uns unabhängige Ereignisse in der Vergangenheit fixiert, dass unsere Aufmerksamkeit immer wieder zurückgeholt werden muss: Es geschieht in uns, es ist unser eigener Prozess, der in den Bildern beschrieben wird. Es ist die Maria in uns oder der Josef unseres Wesens, von denen die Geschichte handelt. Und es geht um unseren Weg, der dazu führt, dass der Jesus unseres Wesens in uns geboren werden kann.

Lassen wir mal die Frage, wie es vor 2000 Jahren war!
Entscheidend ist, was jetzt in uns geschieht.



Für innere Vorgänge ist es nicht von Bedeutung, ob es in der Erzählung um historisch nachweisbare Gestalten oder Ereignisse geht. Wenn von «Diener des Logos» die Rede ist, dann kann es sich auch um kosmische Ereignisse und nicht um die Geschichte einer Person zu einer bestimmten Zeit handeln. Da der Mensch nach dem Ebenbild Gottes erschaffen ist, kann er die Schöpfung in sich erfahren und nachvollziehen. Und genau um das geht es. Eine Beschreibung innerer Ereignisse ist nur dann authentisch, wenn eigene Erfahrungen dahinter stehen. So geht Lukas sorgfältig von «Anfang an» der Überlieferung nach, er macht den Weg der Erfahrung selbst, damit er ihn genau beschreiben kann.

Wenn wir sowohl im Alten wie im Neuen Testament der Bedeutung der Namen von Personen und Ortschaften nachgehen, kann sich eine neue Dimension des Verstehens öffnen. Um uns jedoch dem damaligen Sprachgebrauch anzunähern, ist es notwendig, einige Eigenarten dieser Sprachen zu kennen. Eine übliche Art war es, Worte mit gleichlautenden Begriffen, aber mit einer anderen Bedeutung, zu ersetzen. Nur wer unterrichtet war, konnte die Texte so lesen, dass sie für das Verstehen des inneren Weges eine sinnvolle Aussage hatten.

Als Beispiel möchte ich aus jener Zeit die Geschichte von Orpheus und Euridike erwähnen: Euridike stirbt an dem Biss der Natterschlange. Der griechische Name für die betreffende Schlange hat aber den gleichen Klang wie das Wort für Liebe. Damit öffnet sich eine neue Dimension in dieser Geschichte.

Zum Verständnis auf einer inneren Ebene haben auch die Zusammenhänge, die in den Zahlenwerten der Buchstaben liegen, eine essentielle Bedeutung. Sowohl im Hebräischen wie auch im Altgriechischen ist diese Zahlen-Zuordnung ein wesenhafter Bestandteil der Texte. Ohne diese Verknüpfungen wird jede Übersetzung in eine moderne, europäische Sprache sehr mager. Sie verliert die Vielschichtigkeit und die verborgene Bedeutung.

Der Name Lukas bedeutet Licht oder der Leuchtende. Er ist derjenige, der zur Lichtquelle geworden ist, das Licht ausstrahlt und an andere weitergibt. Von Paulus, den er auf einigen seiner Reisen begleitet hat, wird er als geliebter Freund, der Arzt ist, erwähnt. Nach der Überlieferung starb er im hohen Alter eines natürlichen Todes. Sein Evangelium erzählt von den Ereignissen, die der Geburt Jesu vorangehen, so detailliert, wie keiner der anderen Evangelisten. Er beschreibt was sich ereignet hat tatsächlich «von Anfang an».

Lukas widmet diese Beschreibung des inneren Wandlungsweges Theophilus, das heisst dem «Gottesfreund». In den spirituellen Traditionen des Mittleren Ostens war und ist es üblich, denjenigen, der unterwegs zu Gott ist, als Gottesfreund zu bezeichnen. Ob dieser Theophilus eine historische Gestalt war, ist für den inneren Erfahrungsweg wieder nicht von Bedeutung.

Mit Theophilus ist jeder Gottesfreund gemeint. Damit wendet sich Lukas an jeden Suchenden. Er wendet sich an diejenige, die schon «unterrichtet» sind, die schon begriffen haben, um was es geht. An diejenigen, die den Erfahrungsweg auch gehen wollen, die erkannt haben, dass das „unterrichtet worden sein“ nicht genügt. Die brauchen eine klar gezeichnete Landkarte für ihren Weg, damit sie sich im Lichte des Wissens auf ihrem individuellen Weg der Erfahrung orientieren können, damit sie zur Verwirklichung gelangen. Er spricht die an, die bereits Gottesfreunde sind, die schon darüber unterrichtet sind, dass in jedem Menschen ein Samen der Gottessohnschaft eingepflanzt ist, als Möglichkeit, die auch verwirklicht werden kann.

Spricht er nicht direkt zu uns?!

 

DIE VORBEREITUNG

 

«Zu der Zeit des Herodes, des Königs von Judäa, lebte ein Priester von
der Ordnung Abija, mit dem Namen Zacharias, und seine Frau war aus dem
Geschlecht Aaron und hiess Elisabeth.

Sie waren aber beide fromm vor Gott und lebten in allen Geboten und
Satzungen des Herrn untadelig. Und sie hatten kein Kind; denn Elisabeth war
unfruchtbar, und beide waren hochbetagt.» (Lukas 1, 5-7)



Die Geschichte fängt mit einem Märchen-Motiv an: Das alte, unfruchtbare Ehepaar, das kein Kind hatte. Aber im Gegensatz zu den Märchen werden hier Namen und genaue Angaben zu den Umständen gegeben.

Das innere Geschehen setzt zu einer Zeit ein, als Herodes König ist. Der Name Herodes hat mit Zittern zu tun. Wann muss aber ein Herrscher zittern? Wenn er auf einem Thron sitzt, der ihm nicht zusteht. Die Abstammung von Herodes berechtigt ihn nicht für das Amt, das er einnimmt. Er könnte jeden Moment entlarvt und vom Throne gestürzt werden.

Wenn wir die Rolle von Herodes durch die Evangelien verfolgen, können wir erkennen, dass in ihm der Verstand personifiziert ist. Der Verstand, der in uns auf dem Thron sitzt, auf den er nicht gehört. Der Verstand ist es, der alles versucht «auf die Reihe zu kriegen» und alle Möglichkeiten tötet, die sich ausserhalb eines linearen Denkschemas befinden. Alles, was durch Kausalität nicht verständlich ist, kann der Verstand nicht greifen – begreifen. So bringt er alle Ansätze um, die seine Allmachts-Ansprüche streitig machen würden, wie es die Erzählung von der Tötung der Erstgeborenen in Bethlehem nach der Geburt Jesu beschreibt. Der Mensch macht seine Entwicklung, bis er mit der Hilfe seines Verstandes sein Leben beherrschen kann. Er muss sich bis zu diesem Punkt hinaufarbeiten, bevor der Weg, der nach Bethlehem führt, überhaupt beginnen kann. Herodes kann man nicht umgehen, wie es auch die Geschichte der drei Weisen aus dem Osten zeigt (Matthäus 2, 1-8).

Wenn aber der Verstand die Herrschaft über unser Leben übernimmt, wird es unfruchtbar. Das geschieht allmählich, kaum spürbar im Alltag, ähnlich, wie ein Mensch langsam alt wird. Neues können wir nicht mehr empfangen, und wir sind unfähig, Neues zu erzeugen. Wir können alle Regeln einhalten, brav unsere Pflichten erfüllen, aber etwas, was unser Leben erneuern würde, fehlt. Fehlt uns als inneres Geschehen. Es hilft uns nicht, die ganze Welt dort draussen zu verändern, das schale Lebensgefühl bleibt. Wie viele unter uns leiden daran!

Uns allen ist dieser Zustand vertraut.



Das Ausscheren Jugendlicher aus dieser inneren Einöde hat dann meistens schwerwiegende Folgen, weil ihnen keine Vorbilder mitgegeben wurden, die Anstrengungen zu einem lebendigen, menschenwürdigen Lebensweg ermöglichen können. Es fehlen die Muster, die in der Kindheit durch Bilder eingeprägt, verinnerlicht werden und später, aus dem Unbewussten wirkend, Orientierung geben.

Der Zustand, in welchem uns das Leben nichts Neues schenkt, nichts, was unsere Lebensfreude nähren würde, ist von der Zahl der Jahre unabhängig. Wir können uns bereits in einem jungen Körper alt und ausgebrannt fühlen: Uns kann nichts mehr motivieren oder begeistern. Das wäre dann der Zustand, in dem das alte Ehepaar sich befindet. Der innere Weg könnte genau hier, an diesem Punkt ansetzen. Elisabeth und Zacharias bleiben auch in diesem, für sie ausgetrockneten Leben in allen ihren Verpflichtungen Gott und der Welt gegenüber treu. Sie wenden sich nicht von ihrem Glauben ab, obwohl ihr Leben durch die körperliche Unfruchtbarkeit ziel- und sinnlos geworden ist. Sie können nicht mehr damit rechnen, dass ihr Leben noch etwas Unerwartetes, Belebendes bieten kann. Sie sind für dieses diesseitige Leben verbraucht, ausgebrannt. Ihr Leben ist zur Pflicht geworden.

Kennen wir diesen Zustand in uns? Wenn wir an diese Erfahrung in unserem eigenen Leben herangeführt werden, wird es kritisch. Wir spüren dann, dass uns nur ein Wunder helfen kann. Wer kann aber an ein Wunder glauben unter der Herrschaft von Herodes? In diesem Zustand können wir mit einer falschen Diagnose leicht in die Irre geführt werden: Burnout, Depression.

In uns allen lebt irgendwo in der Tiefe Zacharias, der aus der Ordnung der Abija stammt, wobei diese Abstammung zeigt, dass in ihm das Wissen verankert ist: «Der Herr ist mein Vater», das ist die Bedeutung von Abija. Die Frage ist, ob dieser innere Zacharias zur gegebenen Zeit zum Dienst berufen werden kann. Ob wir in uns seinen Namen kennen und uns seines Namens erinnern: «Gedenken des Herrn».

Das Weibliche in uns – unabhängig davon, ob wir in einem männlichen oder weiblichen Körper leben – das hier, an diesem Punkt unseres Lebens zum inneren Zacharias gehört, heisst Elisabeth: «Mein Eid ist Gott». Es ist die bedingungslose Verankerung im Höchsten, im Unbekannten, obwohl ER sich nicht so zeigt, wie wir es durch unsere Konzepte erwarten und verlangen würden. Nicht nur unser Verstand, sondern „Der Verstand“ überhaupt ist es, der die Bedingungslosigkeit nicht kennt. Man kann nicht aus Vernunft «vernünftig» bedingungslos sein.

«Und es begab sich, als Zacharias den Priesterdienst vor
Gott versah, da seine Ordnung an der Reihe war, dass ihn nach dem
Brauch der Priesterschaft das Los traf, das Räucheropfer
darzubringen; und er ging in den Tempel des Herrn.

Und die ganze Menge des Volkes stand draussen und betete
zur Stunde des Räucheropfers.

Da erschien ihm der Engel des Herrn und stand an der
rechten Seite des Räucheraltars.

Und als Zacharias ihn sah, erschrak er und es kam Furcht
über ihn.

Aber der Engel sprach zu ihm: Fürchte dich nicht,
Zacharias, denn dein Gebet ist erhört, und deine Frau Elisabeth
wird dir einen Sohn gebären, und du sollst ihm den Namen
Johannes geben.» (Lukas 1, 8-12)



Die ganze Tiefe des Textes auszuloten würde den vorgegebenen Rahmen sprengen. Hier möchte ich jedoch den Zugang zu einigen der Bilder ermöglichen.

Im Heiligtum unserer Seele kann nur Zacharias sich aufhalten und Dienst tun. Die Menge, die Mehrheit unseres psychischen Gefüges (englisch: mind) bleibt draussen. Das Volk in uns hat keinen Zugang zum Heiligen, weiss nichts davon. Der grössere Teil unserer Psyche kennt das Heilige nicht. Wenn der Engel – kommt von Angelus, wörtlich: der Bote – denen erscheinen würde, die in uns nur «das Äussere» kennen, könnte die Botschaft nicht aufgenommen werden. Wenn uns durch Eingebung eine Botschaft von oben gegeben wird, die nicht vom inneren Zacharias empfangen ist, wird sie durch Konzepte, Argumentationen und allerlei Zweifel zerrissen. Unter der Herrschaft von Herodes hat keine Botschaft eine Chance, angehört zu werden. Einzig und allein im innersten Heiligtum unseres Herzens kann sie aufgenommen und in ihrer Bedeutung erkannt werden.

Der Engel erscheint auf der rechten Seite des Altars. Das, was von oben kommt, kann nur die rechte Seite empfangen. «Der Mensch kann nur mit der rechten Hand vom Himmel empfangen und die Erde gehorcht nur der linken Hand,» sagt einer der grössten spirituellen Lehrer des Christentums: Johannes vom Kreuz.

Es kann eine sinnvolle Frage sein:
mit welcher Hand empfangen wir?



Das, was im Text mit Angst, mit sich fürchten übersetzt wird – auch in den später zitierten Texten – ist nicht korrekt. Es ist eher die Rede von Verwirrung, verständnislosem Staunen. Es ist der Zustand, in welchen wir geraten, wenn uns etwas existentiell Neues geschieht, das in unsere Konzepte nicht hineinpasst. Es ist die Begegnung, die sich in das bis jetzt Erfahrene nicht einordnen lässt. Es ist die Verwirrung, die durch das Aufbrechen der Muster der Vergangenheit in uns entsteht. Natürlicherweise reagieren wir mit Panik darauf, denn wir können diese Verwirrung nicht ertragen. In einem solchen Moment wird der Thron von Herodes erschüttert.

Wie vertragen wir so einen Moment?



Der Engel beruhigt Zacharias: Es ist alles in Ordnung, was dir geschieht. Es ist die Erfüllung deines Gebetes. Das heisst: Zacharias hat immer noch um ein Kind gebeten, obwohl dies eine aussichtslose Sache war.

Oft bitten wir hartnäckig um etwas im äusseren Leben. Es kann geschehen, dass diese Bitte erfüllt wird, oft aber bleiben wir enttäuscht zurück, weil kein Wunder geschieht. Diese Art von Wünschen stammt von dem «Volk», das ausserhalb des Heiligtums versammelt ist.

Zacharias hat eine andere Art von Wunsch. Dabei geht es um die tiefe Sehnsucht unserer Seele. Den Unterschied zu begreifen ist wesentlich. Das Volk in uns ist draussen. Es kann nur um etwas Äusserliches bitten. Die innere Sehnsucht kennt es nicht.

Der Name des Engels wird nicht genannt. Er ist einfach der Bote, der den Sohn verkündet. Der wird Johannes heissen, Johannes, was «Der Herr ist Gnade» oder «Gnade Gottes» bedeutet. Er wird aus den Verkettungen des Gesetzes herausführen. Nach dem Gesetz können wir uns nur linear weiterbewegen. Ohne Gnade bleiben wir im Gesetz von Ursache-Wirkung gefangen und wir werden von der Vergangenheit bestimmt. Diese lineare Verkettung wird heute auch «Karma» genannt.

Johannes wird den Weg, der aus der Kausalität führt, kennen. Es ist der Weg auch durch die innere Wüste, die in uns Ägypten vom Gelobten Land trennt. Gnade kann uns durch ihn, den Zeugen, der er ist, erreichen. Er kann damit den Weg für den Erretter – wie Heiland wörtlich übersetzt heisst – vorbereiten. Er ist die Personifizierung der Instanz in uns, die aufzubauen nötig ist, damit die Geburt von Existenz, die das Leben und Sterben überlebt, ermöglicht wird. Er ist der Vorbereiter des Weges für die Gottesgeburt in uns. Um die Funktion des Johannes des Täufers in uns zu verstehen, werden wir immer wieder zu dieser inneren Instanz zurückkommen.

«Und du wirst Freude und Wonne haben, und viele werden sich über
seine Geburt freuen.

Denn er wird gross sein vor dem Herrn; Wein und starkes Getränk
wird er nicht trinken und wird schon von Mutterleib an erfüllt werden mit dem
Heiligen Geist.» (Lukas 1, 14-15)



Genau das, was in dem ausgedörrten Leben von Zacharias fehlt: Freude und Wonne, wird von dem Boten versprochen. Das, was er sich nicht mehr vorstellen konnte, wird ihm durch Gnade geschenkt werden - aus einer anderen Dimension, die er in seinem linear verlaufenden Leben nicht kennt. An diese Freude werden viele angeschlossen: Viele von dem «Volk», die aussen warten. Vieles, was in uns irgendwo, irgendwie automatisch nach aussen hin sinnlos funktioniert, wird mit dem Sinn verbunden werden. Vieles wird durch den Zeugen, Johannes, der uns in unserer inneren Welt als Möglichkeit versprochen ist, Lebendigkeit erhalten. Gibt es einen grösseren Anlass zur Freude und Wonne?

Johannes wird «keinen Wein und starkes Getränk» trinken. Er wird nüchtern klar seinen Auftrag erfüllen. Gerade diese Nüchternheit ist es, die ihn «vor dem Herrn gross» macht. Seiner Natur entspricht kein Rausch. Er wird sich nicht in den Alkohol flüchten, was die unerträglichen Spannungen des Weges abschwächen würde. Er wird «das Unerträgliche ertragen», wie es von Karlfried Dürckheim formuliert wurde. Johannes wird genügend Stärke besitzen, und seine Stärke wird durch das Ertragen der Wirklichkeit, was sie auch ist, noch wachsen. Seine Spannkraft wird wie ein aufgespannter Bogen werden, indem er keine Wahrnehmung mit betäubenden Konzepten verwischt. Der Zeuge ist schon im Mutterleib vom Heiligen Geist erfüllt. Damit ist bereits eine tiefe Verbindung mit Jesus, der direkt vom «Heiligen Geist» gezeugt ist. Was damit gemeint ist, kann man durch eine Formulierung der Ostkirche besser verstehen. Darin wird die Heilige Dreifaltigkeit mit anderen Begriffen benannt, als wir sie hier im Westen kennen: Ursprung der Welt (Vater), Seele aller Leben (Sohn) und Ewige Gegenwart (Heiliger Geist). Die Natur des Heiligen Geistes ist: Ewige Gegenwart.

Johannes wird die menschliche Verkörperung dieser «Dritten Kraft» werden. Der Zeuge, der wahr-nimmt, der von allen Vorgängen, die sich in der Zeit in uns abspielen, zeugt und damit Erzeuger des neuen Lebens wird. Er kann auch «das Licht der Welt», das in dieser Welt erscheint, erkennen.

Er wird der innere Zeuge unseres Wesens sein,
der in uns von der Wirklichkeit zeugt.



Wenn «das Licht, das von sich zeugt», schon als «Ewige Gegenwart» aktiv ist, wird Johannes nicht mehr benötigt: Er wird geköpft. Er wird aber in der Durchgangsphase zwischen Ägypten und dem Gelobten Land, in der Wüste, dringend gebraucht.

«Und er wird vom Volk Israel viele zu dem Herrn,
ihrem Gott, bekehren.

Und er wird vor ihm hergehen im Geist und in der Kraft Elias, zu den
Kindern und die Ungehorsamen zu der Klugheit der Gerechten, zuzurichten
dem Herrn ein Volk das wohl vorbereitet ist.» (1, 16-17)



Im Alten Testament steht das «Volk Israel» für das Wesen des Menschen. Für all das, was uns wesenhaft ausmacht, im Gegensatz zu dem, was uns anerzogen ist. Das Wesenhafte in uns besteht aber auch aus unterschiedlichen Komponenten, die alle eigenständig ihre eigene Rechte fordern und meistens nicht sehr reif agieren. Diese Teile in uns sind oft wie trotzige Kinder oder bockige Halbwüchsige. Sie lassen sich nicht integrieren, sie verbinden sich nicht mit anderen Teilen.

Der Begriff «bekehren» macht im heutigen Sprachverständnis wenig Sinn. Noch weniger wird die eigentliche Bedeutung durch die Luther’sche Übersetzung «tut Busse» wiedergegeben. Der ursprüngliche Begriff ist Metanoia, das heisst: «Kehret um». Diese Aufforderung zu begreifen macht uns Mühe. Mit dem Alltagsbewusstsein verstehen wir das als Ermahnung zur Umdrehung in die Richtung, aus der wir gekommen sind, uns im Raum in eine andere Richtung zu bewegen. Mit Metanoia ist aber etwas anderes gemeint: Unsere Aufmerksamkeit, die nach aussen gerichtet ist, nach innen, zur Mitte hin zu wenden. Auch dann, wenn wir das anschauen, was in uns abläuft, schauen wir immer noch von der Mitte unserer Existenz in die Aussenbereiche unseres psychischen Gefüges.

Der Wahrnehmende kann nur dann wahrgenommen werden, wenn wir unsere Aufmerksamkeit nach innen, zur Mitte hin, zu dem, was wir «ich bin» nennen, wenden. Umkehren heisst nicht, unsere Innenwelt zu analysieren, sondern den wahrzunehmen, der ich bin. Den wahrzunehmen, der durch die Erfahrungen geht, der denkt und fühlt, der den Reaktionen ausgeliefert ist und der will. Dort, an dem Ort, wo das «ich bin» beheimatet ist, wird alles «gesammelt», angebunden, und dort wird «Israel zu dem Herrn bekehrt».

Wo wir sagen können:
Ich bin hier und jetzt.



Elias‘ „Geist und Kraft“, die in Johannes angelegt sind, erhalten erst Sinn durch die Bedeutung seiner Name: «Mein Gott ist der Herr». Die vereinende, dadurch heilende Kraft ist die Rückbesinnung zum Göttlichen, zur Einheit. Diese Rückbindung ist die ursprüngliche Bedeutung von Religion. Das ist Herstellung der Einheit, das ist wiederum ist die vereinende Kraft - sie ist Liebe. Die Vorbereitung dazu ist die Arbeit an dem Zeugen, an Johannes dem Täufer in uns. Als Zeuge ist die Rückbindung an die Liebe seine Funktion. Das hat nichts mit Emotionen zu tun, das ist eine «nüchterne» Angelegenheit der Erinnerung. Deshalb ist diese Arbeit für uns nicht sehr attraktiv. Nur wenn wir nichts mehr zu verlieren haben, wenn unser Leben dürr und leer geworden ist, wird uns der Weg des Johannes einen Versuch wert sein.

Hier und jetzt: Ich bin Zeuge meiner Gedanken und Gefühle.
Ich nehme meinen Körper wahr.

 

«Und Zacharias sprach zu dem Engel: Woran soll ich das erkennen?
Denn ich bin alt und meine Frau ist betagt. Der Engel antwortete und sprach
zu ihm: Ich bin Gabriel, der vor Gott steht und ich bin gesandt, mit dir zu
reden und dir dies zu verkündigen.

Und siehe, du wirst stumm werden und nicht reden können bis zu dem
Tag, an dem dies geschehen wird, weil du meinen Worten nicht geglaubt hast,
die erfüllt werden sollen zu ihrer Zeit.» (Lukas 1, 18-20)



Auch der Zacharias in uns will Beweise und Bestätigung. Und er will sich der Verantwortung des Auftrages entziehen. Wir fühlen uns immer zu klein, zu schwach, zu unfähig. Die innere Unmündigkeit macht uns unsicher, wir trauen unseren tiefsten Impulsen nicht. Wir wollen es «schriftlich», mit «Garantie». Wir brauchen etwas, worauf unser Verstand sich beziehen kann. Wir wollen Bestätigung von anderen, das es schon richtig ist, was uns geschieht. Wie könnte aber die diesseitige Welt, die von dem Heiligtum unseres Herzens nichts weiss, die Bestätigung liefern?

«Kraft Gottes», Gabriel, wie der Engel sich zu erkennen gibt, nimmt aber jegliche Möglichkeit der Kommunikation von Zacharias fort. Er wird durch Gabriel in die Stille gebracht. Er kann sich keine Bestätigung holen von denen, die sowieso nicht verstehen können, weder von anderen Menschen, noch von den Teilen in sich, die an Emotionen und Gedanken gebunden sind. Das Berührtsein aus einer anderen Dimension entzieht sich jeder Möglichkeit der Mitteilung. Um das innere Wunder – das jenseits des Verständlichen geschieht – zu beschreiben, reicht unsere verbale Kommunikation nicht aus. Wir können mit unseren Gedanken und Eigengefühlen nicht danach greifen. Wenn wir es versuchen, verliert es die Kraft, es entzieht sich unserem Bewusstsein. Wir bleiben zurück mit dem Eindruck: Es war ein Engel, der vorbeihuschte, eigenartig, aber nicht von Bedeutung, ohne weitere Konsequenzen.

Dieses Stumm-Werden, auch in uns selbst, ist von elementarer Bedeutung: Das Heilige behüten, im Heiligtum unseres Herzens bewahren. Wir dürfen das Unverständliche, das Numinose nicht dem Analysieren, Argumentieren und den sich ständig ändernden Selbstgefühlen aussetzen. Weil wir aber dazu noch nicht fähig sind, werden wir innerlich dazu gezwungen, indem das Neue verschwindet, wie ein Samenkorn in der Erde, damit es in der Verborgenheit keimen kann.

Wie könnte auch Zacharias genügend Glauben haben, Glauben, den wir heute Vertrauen nennen! Vertrauen können wir nur in das setzen, was wir wissen. Ein Vertrauen – oder Glauben – an etwas, was wir nicht erkannt haben, ist Naivität. Nur aus der Erfahrung entstandenes Wissen kann uns tragen. Nur dem können wir vertrauen, was uns einmal als Erfahrung geschenkt worden ist. Diese Erfahrung aber fehlt Zacharias.

Können wir vertrauen, dass die Sehnsucht unseres Herzens «zu ihrer Zeit» sich erfüllen wird? Wie oft wollen wir etwas an uns reissen, wie eine unreife Frucht, noch bevor es Zeit zur Ernte wäre?

Kennen wir das nicht alle zu genüge?



Zu erkennen, wann die richtige Zeit für etwas gegeben ist, erfordert ein entsprechendes inneres «Instrument», ein inneres Organ. Erst dadurch werden wir „spüren“, jenseits unseres Instrumentariums des Alltags. Die meisten von uns sind so aufgewachsen, dass dieses Organ nicht entwickelt wurde, allerdings ist er als eine entwicklungsfähige Möglichkeit geblieben – in allen von uns. Das ist eine der Gründe, warum wir ungeduldig sind und oft von unreif gepflückten Früchten des Lebens unter Bauchweh leiden...

«Und das Volk wartete auf Zacharias und wunderte sich, dass er so
lange im Tempel blieb.

Als er aber herauskam, konnte er nicht mit ihnen reden, und sie
merkten, dass er eine Erscheinung gehabt hatte im Tempel. Und er winkte
ihnen und blieb stumm.

Und es begab sich, als die Zeit seines Dienstes um war, da ging er
heim in sein Haus.» (Lukas 1, 21-23)



Es gibt keine Möglichkeit der Verständigung zwischen dem Heiligtum und ausserhalb des Tempels. Die Botschaft des Heiligtums kann nicht ausserhalb der Mauern mitgeteilt werden. Wenn Herodes auf dem Thron sitzt, verbreitet er die Vorstellung, dass alles in uns und jeder um uns herum es verstehen sollte. «Wenn ich es nur richtig erkläre», denken wir. Wir scheitern oft an dieser Vorstellung der Machbarkeit der Mitteilung, die der Wirklichkeit nicht entspricht. So bleibt Zacharias stumm. Das gibt ihm die Authentizität, die Kraft der Ausstrahlung, die für die «aussen Wartenden» genügt. Die Kraft des Heiligen bewahren, nicht mitteilen, bevor es «Zeit ist», bevor es in der Zeit erscheint. Das kommt auch in der nächsten Passage zum Ausdruck:

«Nach diesen Tagen wurde seine Frau Elisabeth schwanger und hielt sich fünf Monate verborgen und sprach: So hat der Herr an mir getan in den Tagen, als er mich angesehen hat, um meine Schmach unter den Menschen von mir zu nehmen.» (Lukas 1, 24-25)



Vor den Menschen bedeutet die Unfruchtbarkeit ein Versagen, wie so vieles uns zur Schmach wird, was uns nicht erlaubt, Erfolg in diesem Leben zu haben. Wenn sich aber das neue Leben, «Gnade Gottes», in uns regt, zählen die allgemein gültigen Werte dieser Welt nicht mehr. Wir bleiben unberührt von dem, was die anderen sagen oder meinen. Wir werden von den eingepflanzten, fremdbestimmten Idealen, die wir nicht erfüllen können, befreit. Sie quälen uns nicht mehr. Das Korsett kollektiver Massstäbe bricht auf und von innen her entsteht eine neue Orientierung. Wir erfahren eine bis dahin nicht gekannte Freiheit.

DIE VERKÜNDIGUNG

 

«Und im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott gesandt
in eine Stadt in Galiläa, die heisst Nazareth, zu einer Jungfrau, die vertraut
war einem Mann mit Namen Josef vom Hause David; und die Jungfrau hiess Maria.» (Lukas 1, 26-27)



Der «sechste Monat», das sechste Zeichen des Tierkreises, ist das Zeichen der Jungfrau. Die Vorbereitung, die mit Johannes dem Täufer, mit dem Zeugen, beginnt, ist soweit fortgeschritten, dass die Jungfrau vom Heiligen Geist empfangen kann. Wie wir wissen, ist Johannes der Täufer der innere Zeuge. Sein Name ist schon Verheissung: «Der Herr (Gott) ist Gnade». Durch diese Gnade allein kann die Gefangenschaft im Gesetz überwunden werden. Jeder spirituelle Weg beginnt mit dem Etablieren dieser inneren Instanz. Im Buddhismus wird sie Achtsamkeit genannt, sie wird auch als Beobachter bezeichnet, oder sie ist einfach die Nicht-Identifikation. In der deutschen Sprache beinhaltet der Begriff Zeuge an sich das Mysterium: Der Zeuge ist in einem Vorgang auf keine Art und Weise involviert, gleichzeitig aber ist er der Er-Zeuger neuen Lebens.

Diese innere Instanz, die im Zeichen des Widders einen neuen Zyklus öffnet, muss den Boden soweit in uns vorbereiten, dass die Seele gereinigt, jungfräulich wird. Erst dann kann sie vom Heiligen Geist aus dem Augenblick empfangen, ohne mit Erinnerungsmuster der Vergangenheit besetzt zu sein.

Jesus, der Messias, ist der Erlöser am Anfang des Fische-Weltenmonats. Seit den Urchristen wird das Zeichen der Fische im Tierkreis als Christus-Symbol verwendet: die zwei miteinander verbundenen Fische. Jungfrau und Fische sind einander gegenüber auf der gleichen Achse. Ihre Energien bedingen einander, und der Planet Erde stand 2000 Jahre lang in der Schwingung dieses Energiepaares. Dadurch wird es verständlich, dass nicht nur Jesus, sondern auch Krishna, der Inder, von einer Jungfrau geboren ist. Wie unsinnig, über die jungfräuliche Geburt im Konkreten, in der Welt des Körpers als äusseres Ereignis, zu streiten!

Die Stadt Nazareth in Galiläa ist nicht zufällig gewählt. Gal, der Stamm des Namens Galil – wie es hebräisch heisst – hat mit Formwerdung zu tun, mit dem Erscheinen in der Form. In der hebräischen Schrift werden nur die Konsonanten ausgeschrieben, dabei hat jeder Buchstabe einen Zahlenwert. Derjenige von Gal ist 3 – 30 = 33. Das, was in der Form erscheint, kann die Zahl 33 nicht «überleben», deshalb stirbt der Körper Jesu mit 33 Jahren. Das, was aufersteht, ist jenseits davon und gehört damit zu 34. Das ist der Erlöser, der Go El heisst, geschrieben mit dem Zahlenwert 34. Dies wiederum ist auch die Zahl für das Wort Kind, das aber aus anderen Buchstaben zusammengesetzt ist. Die Begriffe Golem, (toter Körper), Gola, Galuth (Exil) Giluj (Offenbarung) sollen die Komplexität der hebräischen Sprache veranschaulichen.

Zar bedeutet die „starre Form“ und ist der Stamm für die Begriffe Druck, Leid, Schmerz. Mit der Stadt Nazareth verdichtet sich die Formwerdung zu einer kristallisierten, unausweichlichen Verpflichtung. Innerhalb der lebendigen Form gibt es etwas, was sich nicht weiter formen lässt. Könnte das die erbbedingte Struktur unseres Körpers sein? Oder unser Schicksal, innerhalb dessen unsere Bestimmung als Möglichkeit zum «Werden des Seins» enthalten ist?

Wie erfahren wir diese Starre, unausweichliche im eigenen Leben?
Wie fühlt sich das an?



Maria (hebräisch Mirjam) die Jungfrau, lebt in dieser Stadt. Ihr Name hat mit bitter, Meer, Materie zu tun. Wie könnte sie in einer anderen Stadt als Nazareth leben? Und wie könnte der Erlöser in einem anderen Mutterschoss ausgetragen werden, als im Schosse der reinen Jungfrau? Die Wurzeln der Begriffe Gnade und Erbarmen Gottes ist das gleiche, es ist das Wort für Mutterschoss. Die reine Seele kann die dauernde Auseinandersetzung im bitteren, salzigen, uferlos scheinenden Meer nur dadurch ertragen, dass sie weiss, «Gottes Gnade», Johannes, ist bereits unterwegs. So kann Gabriel, wie wir es bereits wissen, «Kraft Gottes» bedeutet, die Botschaft übermitteln. Botschaft und Fleisch ist wiederum der gleiche Begriff: Durch die Inkarnation, die Fleischwerdung, wird die Botschaft übermittelt. Ohne den physischen Körper, ohne in die starre Form hineingebunden zu sein, kann uns keine Botschaft erreichen. Und ohne Botschaft kann keine Gottesgeburt im Menschen geschehen. In diesem Zusammenhang ist die «Botschaft» so wichtig.

Sind wir dessen bewussst, dass wir in unserem Körper inkarniert sind?
Kann ich die Botschaft, die damit zusammenhängt wahrnehmen?



Der Mann, mit dem Maria verlobt ist, heisst Josef. Er hat den gleichen Namen wie der Lieblingssohn von Jakob im Alten Testament, der von seinen eifersüchtigen Brüdern nach Ägypten verkauft wurde. Der Lieblingssohn des Vaters, der in ein fremdes Land gerät – in ein Land, das für all die Beschränkungen und Leiden in der Dualität dieser Welt steht – und dort zum Retter seiner Brüder wird. Josef, dessen Name «mehren» bedeutet, wird auch als «es soll noch ein anderer Sohn kommen» verstanden. Josef, der Verlobte Marias, ist aus dem Hause David der direkte Nachfolger des «Geliebten Gottes», was der Name David bedeutet. Josef ist der Fremde in dieser Welt, mit der Erinnerung an jene Welt, wo er – jenseits der Zeit - der Lieblingssohn des Vaters ist. Er weiss, wie man in dieser Welt eine Behausung baut; er ist ein Zimmermann. Er wird auch fähig sein, Maria und das Kind nach Ägypten zu führen, solange sie in Gefahr sind. Er kennt ja bereits das Land.

Die entsprechenden Teile in uns, die in der Geburtsgeschichte personifiziert sind, bereiten den Weg vor. Schauen wir sie nochmals zusammenfassend an:

  1. Maria: die reine Seele, die «keinen Mann kennt». Mann und Erinnerung sind im Hebräischen wiederum der gleiche Begriff. Die Seele ist rein, wenn sie nicht mit Erinnerungsmustern «verheiratet», das heisst; besetzt ist.
  2. Johannes der Täufer: der Zeuge, der jenseits des inneren Geschehens wahr-nimmt.
  3. Josef: der in dieser Welt funktionierende Handwerker, der im Bewusstsein seiner Abstammung die Verantwortung dafür tragen kann, was Gott ihm in dieser Welt anvertraut, auch dann, wenn es nicht «sein Kind» ist.

 

«Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, du hast
Gnade bei Gott gefunden.

Siehe, du wirst einen Sohn gebären und du sollst ihm den Namen Jesus
geben.» (Lukas 1, 30-31)



Gnade finden bedeutet das Herausgehoben-Werden aus dem Gesetz der Kausalität. Es bedeutet, dass in der „im gegenwärtigen Moment geschehenden Schöpfung“ eine unerwartete, mit Logik nicht erfassbare Komponente erscheint. Die Linearität, die logische Verkettung zwischen Vergangenheit und Zukunft, Ursache und Wirkung, wird unterbrochen. Kausalität würde die Reihenfolge von Normaler Zeugung – schwanger werden – gebären bedeuten. Das wäre Gesetz, auch als inneres Geschehen. Die Folgen unserer Unvollkommenheiten unserer Muster würden eine lineare Fortsetzung in der Zukunft zur Folge haben, so wie die psychischen Erfahrungen durch die Wissenschaft erforscht und erklärt werden als Folge von biochemischer Prozesse im Körper. Die Öffnung einer neuen Dimension können wir aber nicht erwirken und nicht erklären. Das ist nicht machbar und für den Verstand nicht verständlich. Nur Gnade kann das «Wunder» bewirken, wenn die Voraussetzungen gegeben sind und die Zeit gekommen ist.

Vor jeglichem Unbekannten fürchten wir uns alle. Wir wollen in dem bleiben, was wir kennen, was uns vertraut ist. Was kann alles geschehen, wenn etwas, das grösser ist als das, was wir erfassen können, in unser Leben einbricht? Das können wir nicht mehr fassen, weder mit den Händen, noch im Kopf. So ist das erste, das sich in uns ausbreiten muss, um die Botschaft des Himmels zu empfangen, Vertrauen. «Fürchte dich nicht», oder richtiger: «Lass dich nicht verwirren», spricht der Engel zu Maria. Die Maria in uns erleidet so viel Bitterkeit, das salzige Meer ist ihr Element, sie erwartet kein Wunder. Das Entscheidende ist, dass ihr Vertrauen auf das Höchste baut. Dem Erscheinenden gegenüber bleibt sie zuerst abwartend. Bis der Engel «sich ausweist».

Der Engel spricht ausdrücklich von einem Sohn, nicht von einem Kind. Im Hebräischen ist der Begriff «Sohn» eng mit dem Begriff «bauen» verwandt. In dieser Welt wird alles Seiende durch den Sohn gebaut. Wie schon erwähnt, wird in der christlich orthodoxen Formulierung der Sohn als Teil der Dreifaltigkeit, «Seele aller Leben» genannt. Gott, der Vater, der Schöpfer, lässt einen Teil von sich durch die erschaffene Welt in Erscheinung treten. Das ist gemeint, wenn wir von Gott als Immanenz sprechen; als innewohnend in allen Erscheinungen der Schöpfung.

Die Schöpfung geschieht in jedem Augenblick neu. So kann in uns in der neuen Schöpfung der Gegenwart der Sohn empfangen werden - wenn die Seele rein ist.

Wir können immer wieder die Frage Stellen:
Wie empfange ich?



Wir sehen, wie die Verknüpfungen allmählich zum Ganzen führen. Wenn wir von einem einzigen Teil der Heiligen Schrift ausgehen, führt sie uns zum Ganzen. Es ist, wie wenn wir ein Tuch anfassen, gleich an welchem Punkt. Beim Aufheben kommt das ganze Tuch, das ganze Gewebe mit. Weil es eine Einheit bildet.

Der Name Jesus ist aus dem hebräischen Jehoschua entstanden. Seine Bedeutung ist: «Der Herr rettet, hilft». Die Rettung aus der Abhängigkeit der Gezeiten der Zeit. Die innere Instanz, die uns eine neue Dimension der Identität schenkt und uns damit über den Tod hinausführt, ist der angekündigte Heiland. Die Hilfe kann nur direkt aus dem Herzen des Menschen kommen, wenn es aus einer anderen Dimension befruchtet wird.

«Der wird gross sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und
Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird
König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende
haben.» (Lukas 1, 32-33)



Die Sohnschaft, von welcher der Engel Gabriel spricht, ist vom «Höchsten» empfangen und nicht von irgendeiner Welt dazwischen. Gabriel ist der Vermittler und nicht der Verursacher. Das ist entscheidend. Solange wir uns an Zwischenwelten wenden, von denen wir Hilfe für unsere innerste Sehnsucht holen, und von denen wir uns mit Konzepten füllen lassen, kann unsere Seele den «Sohn des Höchsten» nicht empfangen. Es gibt keinen Platz für ihn. Er braucht den ganzen inneren Raum, der zuerst von der Vergangenheit entrümpelt werden muss. Diese Dimension, in welcher der Sohn herrscht, ist das, was wir Ewigkeit nennen. Unser Tagesbewusstsein kennt aber nur diese Welt und kennt nur Unendlichkeit. So wollen wir Ewigkeit mit Zeit messen; wir wollen das Reich, das «nicht von dieser Welt» ist, mit den Massstäben dieser Welt erfassen. Ewigkeit war nicht vor der Zeit und wird nicht nachher sein, Ewigkeit ist. Zeit ist ein Attribut der Ewigkeit und nicht umgekehrt. Das Reich, das nicht von dieser Welt ist, hat kein Ende, weil es keinen Anfang hat.

Halten wir für eine kurze Zeit inne
um diese Aussage für uns genau verifizieren zu können.

 

«Da sprach Maria zu dem Engel: Wie soll das zugehen da ich doch
von keinem Mann weiss?

Der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der heilige Geist wird über
dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird
auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden.» (Lukas 1, 34-35)



Die jungfräuliche Seele kennt keinen Mann, das heisst sie ist nicht in Erinnerungsmustern gefangen. Sie hat kein Vorbild oder eine gespeicherte Vorlage dafür, wie das «gemacht» wird, was der Engel verkündigt hat. Wir kommen in Panik, wenn etwas nicht machbar ist. Wenn etwas mit uns geschieht, worüber wir keine Macht haben. Wie sinnvoll, dass in der deutschen Sprache Machen und Macht den gleichen Wortstamm haben! Unsere Logik sagt: «Wie kann Gottes Sohn in uns geboren werden, wenn wir nicht wissen, wie das gemacht wird?» In dieser Welt müssen wir alles lernen, bevor wir es können. In diesem Zusammenhang nützt uns diese Art von Erfahrung nicht. Etwas anderes kennen wir nicht.

«Der heilige Geist wird über dich kommen…» verkündet der Engel. Nicht der Vater. Was ist überhaupt die Idee der Dreifaltigkeit? Weil wir sie nicht verstehen und uns niemand ihre Bedeutung übermitteln kann, schaffen wir sie beiseite. In einer anderen Formulierung der Dreifaltigkeit können wir uns vielleicht etwas mehr darunter vorstellen: Heilige Bejahung, Heilige Verneinung und Heilige Verbindung. Oder, wie schon erwähnt: Ursprung der Welt, Seele aller Leben, Ewige Gegenwart. So könnte sich der Zugang zur Idee der Dreifaltigkeit öffnen. Vielleicht entsteht dadurch erst Interesse, ihre Bedeutung zu erforschen.

Der Engel wiederholt, dass «...das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden» wird. In der knappen Formulierung des Textes sind Wiederholungen nicht einfach literarische Spielereien. Was so betont wird, ist zentral.

«Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem
Sohn, in ihrem Alter, und ist jetzt im sechsten Monat, von der man sagt, dass
sie unfruchtbar sei.» (Lukas 1, 36)



Maria, die reine Seele, die in uns empfängt, soll mit einem anderen weiblichen Teil ebenfalls in uns Kontakt aufnehmen. Die zwei Mütter sollen einander begegnen und einander unterstützen. Sie wissen beide um den Auftrag der Anderen, sie gehören aber zu unterschiedlichen Schichten in uns. Elisabeth gehört zur menschlichen, vergänglichen Schicht, sie ist gleichzeitig dieser Anteil, der mit dem göttlichen Auftrag des Menschen einverstanden ist und ihn unterstützt. Maria braucht diese Mitarbeit, sie braucht das Weibliche in uns, das ihr Wissen aus dieser diesseitigen Welt schöpft. Sie braucht die weise Verwandte, die als «alte Frau» diese Welt kennt.

Der Engel betont es erneut, dass Elisabeth im sechsten Monat sei. Es ist die Erntezeit in der Energie der Jungfrau, wenn die Erfahrungen und das daraus gewonnene Wissen geerntet und verwertet werden. Alles, was in uns durch den menschlichen Weg geschah, ist im Schosse der Elisabeth, im weiblichen Reservoir unserer Seele, zum Ernten bereit. Die Seele wurde immer, zu allen Zeiten, in allen spirituellen Traditionen als das Weibliche in Bezug zum göttlichen Kern gesehen. In Elisabeth ist die natürliche Seele mit allen Erfahrungen als Rohmaterial für die Bildung der unsterblichen Seele personifiziert.

Johannes wird es ermöglichen, dass aus den Prozessen der Seele entstandene Rohmaterial aus Prägungen und „halbverarbeiteten“ Erinnerungen zur Substanz von Existenz umgewandelt werden kann.

«Und Maria sprach: Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du
gesagt hast. Und der Engel schied von ihr.» (Lukas 1, 38)


Die Einwilligung ist der Ausdruck für den freien Willen des Menschen. Sie ist die einzige Möglichkeit eines Aktes, der nicht durch Vergangenheit bedingte Erinnerungsmuster oder aus einem gegenwärtigen Bedürfnis entsteht. In der bedingungslosen Einwilligung sind wir nicht durch Konditionen bestimmt. Aus der Gegenwart empfangend sind wir frei. Uns bindet keine Identität, die immer ein Produkt der Vergangenheit ist.

Durch Manipulation oder durch Zwang können wir zu allem gebracht werden. Wenn wir meinen, dass es nicht so ist, sind wir von Erfahrungen, die manche durchmachen müssen, verschont geblieben. Das Einzige, das uns nicht aufgezwungen werden kann, nicht vom Schicksal und nicht durch andere, nicht von Gott, ist das bedingungslose «Ja» zu dem, was auch geschieht. Das ist freier Wille. Maria spricht genau dieses bedingungslose „Ja“ aus. Ohne diese Einwilligung kann der Prozess, der zur Gottesgeburt im Menschen führt, nicht an uns vollzogen werden. Erst wenn wir zu diesem Ja bereit sind, erhalten wir all die Hilfe, die es dazu braucht. Aber dann erhalten wir sie als Gnade – die uns erst in diesem Zustand erreichen kann. Diese Bedingungslosigkeit bedeutet nicht uns in einer Hilflosigkeit den Umständen auszuliefern. Alles, was uns zur Verfügung steht, was in uns an Unterscheidungsfähigkeit entwickelt ist, gehört zur Ganzheit. Dort, wo uns die Freiheit zur Entscheidung gegeben ist, ist es unsere Verantwortung, davon intelligent gebrauch zu machen.

Sind wir zu dieser Bedingungslosigkeit bereit?
Oder finden wir immer noch „Ja, aber…“ in uns?


Der Engel verschwindet. Maria kann sich nicht nochmals vergewissern, ob sie es richtig verstanden hat. Wie oft erfahren wir, dass uns ein Impuls des Himmels gesandt wird, uns eine Botschaft wie ein Blitz getroffen hat! Aber wir wollen Sicherheit, unser Verstand verlangt nach Wiederholbarkeit. Wir trauen uns nicht zu, dass wir es schon richtig verstanden haben. So zerstören wir mit Zweifeln und Argumenten die «Information», das, was uns durch den Heiligen Geist, durch das, was Himmel und Erde miteinander verbindet, aus der Gegenwart geschenkt wurde. Nur weil wir es nicht schriftlich erhalten, weil wir es nicht immer wieder nachlesen können.

Gabriel kommt nur einmal. Maria braucht ihn nicht in der Wiederholung.

INNERE KOMMUNIKATION
UND DANKBARKEIT


Die Geburt Johannes des Täufers ist einzig bei Lukas beschrieben. Auch der Besuch Marias bei Elisabeth, ihr Lobgesang und derjenige von Zacharias werden in den anderen drei Evangelien nicht erwähnt. Die Quintessenz dieser Ereignisse möchte ich im Folgenden zusammenfassen.

In der Gehirnforschung der letzten dreissig Jahre ist ein Phänomen in der Funktion des Gehirns europäischer Menschen aufgefallen: Wir nehmen immer mehr Informationen auf, gleichzeitig entstehen aber immer weniger Querverbindungen zwischen den einzelnen Informationen. Wir sind gierig nach „noch mehr Wissen“ und gleichzeitig schreitet die Aufsplittung von Bewusstseinsinhalten dabei in einem erschreckenden Ausmass voran. Der Weg zu innerer Integration verlangt jedoch genau das Gegenteil, nämlich die Verbindung der einzelnen Inhalte unseres psychischen Gefüges. Es geht dabei nicht nur um die neuen Informationen, die wir im Leben durch Gespräche, Lesen, Bilder und Erfahrungen erhalten, sondern auch um Inhalte, die in uns bereits gespeichert sind – bewusste und unbewusste.

In der Geschichte von Marias Besuch bei Elisabeth ist wesentlich, dass die «Jungfräuliche Seele», der Seelenanteil, der rein ist, weil er in der Welt nicht involviert ist, den Kontakt mit dem «alten» natürlich gewachsenen Teil aufnimmt und nicht umgekehrt. «Es geht nicht darum, das Neue mit alten Augen zu sehen, sondern das Alte mit neuen Augen zu erkennen.»

Es würde keinen Sinn machen, wenn Maria Herodes besuchen würde. Genauso wenig, wie wenn wir uns erlauben würden, dass der Verstand darüber urteilt, ob das innere Geschehen «richtig» ist oder nicht. Der Verstand kann nur Zwiespalt stiften, sowohl im Inneren wie im Äusseren, wenn das Mysterium durch ihn kommuniziert wird.

Jeder spirituelle Lehrer warnt vor einer falschen inneren Kommunikation und fördert gleichzeitig das Verbinden von Teilen, die zum Weg Richtung Ganzheit, Verwirklichung und Vorbereitung zur Gottesgeburt beitragen können. Erst aus einer Verbindung dieser Art kann in uns Lob Gottes entstehen. Ein Lobgesang, der Ausdruck der Dankbarkeit ist.

Wir haben das Loben verlernt. «Wozu? An wen sollen wir uns damit wenden?» Für Herodes in uns macht kein Lobgesang Sinn. «Wir haben so viel Probleme, Leiden, unerfüllte Bedürfnisse, wofür sollten wir Lobgesang anstimmen?»

Unsere gängige Einstellung in Bezug zur Dankbarkeit klingt etwa so: «Dankbarkeit? Ja, wenn wir etwas Gutes erhalten, sollten wir dafür dankbar sein. Das gehört zur Anständigkeit. Wenn uns etwas geschenkt wird, das wir brauchen können, was in unser Leben Freude bringt, sagen wir «Danke schön». Aber alles andere erarbeiten wir mühsam aus eigener Kraft…»

Doch was bedeutet aus eigener Kraft? Kann die «eigene Kraft» uns nicht jeden Moment genommen werden? Woher kommt diese Kraft? Und wohin schwindet die Fähigkeit, etwas zu tun, wenn sie uns genommen wird? Woher kommt eine Idee? Woher die sinnvollen Einfälle, die intelligenten Verknüpfungen des assoziativen Denkens? Woher die Erfahrung der Lebendigkeit des Körpers?

Ehrlich: Haben wir etwa das alles «erarbeitet»?


«Sei dankbar für den Tag, wenn er beginnt.» Dankbarkeit ist nicht an Bedingungen geknüpfte Emotion. Dankbarkeit ist ein Zustand, in welchem wir all das zu sehen fähig sind, was uns geschenkt ist. Erst in dem Zustand der Dankbarkeit erreicht uns all das, wodurch das Leben lebenswert ist. Sonst bleibt unser Blick an dem haften, was noch sein könnte, was andere haben, was uns vielleicht wirklich fehlt. Wir ziehen im Leben das an, was unserem Zustand entspricht. Aus den Möglichkeiten, die uns entgegenkommen, sehen wir nur diejenigen, die unserem Befinden entsprechen.

Aufmerksamkeit ist reine Energie. Was wir damit nähren, wird wachsen. Was bestimmt aber, wo diese Energie hinfliesst? Nur die Ausrichtung, die Absicht, die Sehnsucht, die jenseits von diesseitigen Wünschen ist. Wenn das, was in uns menschlich ist, eine klare Ausrichtung hat, wie bei Zacharias und Elisabeth, wird dadurch ein Prozess in Gang gesetzt, der zur Verwirklichung des kosmischen Auftrags des Menschen führt.

DIE GEBURT


«Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser
Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war
die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter von Syrien war.
Und jedermann ging, dass er sich schätzen liesse, ein jeder in seine
Stadt.» (Lukas 2,1-3)


Diese «alle Welt» ist wiederum in uns. Es ist die ganze Fülle, die seit unserer Zeugung durch die Erfahrungen in dieser Welt entstand, es ist, was unsere Identität ausmacht. Wir können all das, was in uns ist, nicht auf einmal überblicken. Wir können unsere Ganzheit nicht erfassen. Nur Teile können wir ins Bewusstsein heben, etwa durch eine Psychoanalyse. Es ist nötig, dass diese «Schätzung» in uns stattfindet – das erste Mal. Für jedes Individuum ist es «das allererste» Mal. Den Aufwand dazu kann nur eine Instanz in uns «anordnen», die über unsere Situation erhaben ist, den Überblick hat und die Notwendigkeit erkennt. Augustus bedeutet «der Erhabene». Er ist in uns der wohlwollende Entscheidungsträger, der über genügend Macht verfügt, um den Prozess durchzuführen.

Alles in uns muss dorthin, wo es hingehört. Was im Bewusstsein auftaucht, soll angeschaut und erkannt werden: Jede Bereitschaft, jeder Schmerz, jeder Wunsch und jede Erwartung, Gewohnheiten und Konzepte, Behauptungen und Wissen, unsere Beziehungen und Probleme, unsere Reaktionen; alles wird erkannt, überprüft und an den Ort seines Ursprungs hingeführt. Diese Volkszählung in uns ist ein gross angelegtes Projekt. Es braucht Zeit und die Fähigkeit zu erkennen, um alles richtig zuordnen zu können. Die so entstehende innere Ordnung dient als Basis für das weitere Geschehen.

«Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth,
in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heisst Bethlehem, weil er aus
dem Hause und Geschlechte Davids war, damit er sich schätzen liesse mit
Maria, seinem vertrauten Weibe, die war schwanger.» (Lukas 2, 4-5)


Unser Wohnort in dieser Welt ist nicht unser Ursprung. Wir leben in der Welt, in der die Möglichkeit der Formwerdung gegeben ist und geschehen kann. Josef und Maria in uns jedoch stammen aus einem anderen Ort. Sie werden als «Nachkommen Davids» wiederum in uns erkannt werden. Der Ursprung von dem, was unsere Wesenhaftigkeit ausmacht, stammt aus dem Hause des «Geliebten». Dieses Haus ist das «Haus des Brotes»: Beth-Lehem. Nur an dem Ort, in Bethlehem, kann das göttliche Kind in uns geboren werden. Um diesen Ort in uns zu finden, ist es notwendig, uns auf den Weg zu machen.

Die Last, die eine hochschwangere Frau trägt, macht diesen Weg nicht einfach. Das, aus dem Leben genommene Bild zeigt, in welchem Zustand sich die Seele befindet. Die Seele des Menschen, ob sie in einem männlichen oder weiblichen Körper ihren Weg geht. Auf Josef aber muss Verlass sein. Der, in dieser Welt funktionierende Teil gibt Sicherheit. Wir dürfen den Josef in uns nicht mit einem «nur» herabwürdigen, wie es so oft in so genannten spirituellen Kreisen geschieht. Josef, der sich in der diesseitigen Welt auskennt, der die Fähigkeit, mit dem Holz ein Haus bauen zu können, erlernt und beherrscht, ist Voraussetzung: Aus dem Haus, das Josef erbaut, kann dann das «Haus vom Brot» werden. Das Haus vom Brot, Beth-Lehem, beinhaltet eine Fülle von Aussagen. Bis zum Letzten Abendmahl wird das Brot in den Geschichten über Jesus eine zentrale Bedeutung haben.

Die Energie der Jungfrau wird manchmal – in Bezug auf das Brot - mit fünf Weizenkörnern dargestellt. Der Weg, der mit der Energie des Widders in die sichtbare Welt aufbricht, führt nach aussen bis zum sechsten Zeichen. Er führt bis zur Ernte, bis die Frucht reif ist, abgeschnitten und zur Weiterverarbeitung eingebracht wird. Von da an ist der Weg für die Rückkehr frei für die Heimkehr, was die Erlösung aus der «Gefangenschaft», aus dem Getrennt-Sein in dieser Welt bedeutet. Für die Verkörperung des Erlösers, der diese Heimkehr ermöglicht, dessen Zeichen die zwei Fische sind, bietet das Haus der Jungfrau die äussere Hülle, das Körperliche, den Ort, wo die Inkarnation stattfinden kann. Wo «das Wort Fleisch» werden kann.

Im Haus des Brotes werden die zu Mehl gewordene Weizenkörner für die letzte Wandlung verarbeitet. Das Korn stirbt als Individuum, wenn es zu Mehl gemahlen wird. Erst durch dieses Opfer kann es zur Nahrung des Menschen, zur Nahrung einer höheren Lebensform werden. Das Brotbacken ist ein alchimistischer Prozess, dem inneren Prozess der Wandlung analog. Durch Wasser wird das Mehl, das trocken ist und keine eigene Form bildet, knetbar. Diese formbare Masse bildet bereits eine Einheit, jedoch ohne fest zu sein. Zur Umwandlung des Teiges ist das Feuer notwendig. Durch das «Aufschliessen» des Kornes wird er zu dem, was durch den menschlichen Körper assimiliert werden kann. Durch die Hitze wird das Wasser im Teig gebunden, und das Brot erhält eine eigene, beständige Form.

Für uns, die das Brot einfach im Supermarkt kaufen, ist dieser Vorgang nicht vertraut. Umso eindrücklicher kann es werden, einmal selbst zu Hause Brot zu backen. Eine körperliche Erfahrung könnte uns einen Schritt näher zum Erkennen bringen, damit unser Heim auch zum Haus des Brotes wird.

«Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte.

Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte
ihn in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.» (Lukas 2, 6-7)


Wenn das göttliche Kind, das Existenz ist, das «Ich bin» auf die Welt kommt, sind wir in Beth-Lehem angekommen. Und nicht umgekehrt. Wie oft verwechseln wir Ursache und Wirkung! Wir bleiben mit unseren Sinneswahrnehmungen an der Oberfläche, die Ursache bleibt meistens verborgen. Wir versuchen äusserlich nach Bethlehem zu gelangen, durch Kopfwissen, durch irgendwelche Übungen, durch sinnloses Opfern. Wir irren auf den verschiedenen Wegen, die nicht nach Beth-Lehem führen und wir wundern uns, dass wir nicht ankommen.

Als Beispiel für so viele Erfahrungen dieser Art soll eine Meldung aus der medizinischen Forschung über das „normale“ Funktionieren des Menschen stehen. Auf Grund von wissenschaftlichen Erkenntnissen sind wir verliebt, weil unser Körper bestimmte Hormone ausschüttet, wie das «wissenschaftlich nachgewiesen» ist. Dabei bringt der Körper entsprechende Stoffe in den Kreislauf, damit er auch an der Erfahrung der Liebe teilnehmen kann. Wie könnten wir verliebt sein, wenn wir nicht durch eine Begegnung angezündet wurden? Es wird also schon in den Zusammenhängen des diesseitigen Lebens Ursache und Wirkung verwechselt. Wie viel mehr sind wir blind, wenn es um das «Jenseitige», um das Existentielle geht, jenseits körperlicher, emotionaler und mentaler Erfahrungen? Wir werden heute für ähnliche Fragen allmählich wach und können auch der Frage für uns selbst nachgehen:

In welchem Zusammenhang habe ich das bereits erkannt?


Die Geburt kann nicht in der Herberge geschehen. Es ist nicht möglich, am Stammtisch oder beim Kaffeekränzchen, in der Familie oder im Freundeskreis über das innere Geschehen zu plaudern oder zu diskutieren. Auch dort, wo es in uns lärmt, wo ein ständiges Kommen und Gehen in uns Unruhe ausbreitet, ist kein Platz für das Heilige. In der Herberge ist keine Bleibe, weder in der Welt draussen, noch in uns. Besser gesagt: Immer, wenn in uns die Unruhe der Welt den Raum einnimmt, befinden wir uns in der Herberge. Und dort gibt es keinen Platz für Maria und Josef. Auch in der Welt um uns herum macht niemand Platz für sie; wir werden kein Verständnis für unsere Wahrnehmungen und ihre Folgen finden. Wie auch? In der Welt draussen kennt kaum jemand den Weg nach Beth-Lehem, den Weg zum Hause des Brotes, wo das Wunder der Wandlung geschieht.

Die Bilder der Krippe und der Windeln halten wir für lebensnahe, rührende Bilder. Ihre Bedeutung geht jedoch wesentlich tiefer als eine sentimentale Verniedlichung der Geschichte. Die «Windeln» haben im Hebräischen den Zahlenwert 444. Die Vier, nicht als Quantität, sondern als kosmische Qualität, beschreibt diese diesseitige Wirklichkeit, die Welt der Formen. Existenz, die neugeboren in dieser Welt erscheint, wird mit dem Irdischen in all seinen Gestalten und Bedingungen eingehüllt, sie wird durch den Körper in all die Gesetze dieser Welt eingebunden. Das Göttliche Kind ist nicht etwas Schwebendes, etwas ausserhalb der Körperlichkeit Seiendes. Das Jenseitige ist in den Formen des Diesseitigen verborgen. Das Göttliche ist in das Menschliche eingehüllt.

Die Krippe, aus welcher sonst die Tiere fressen, wird in uns frei gemacht. Das «Natürliche» in uns wird auf seine «Nahrung» verzichten müssen. Die Der Ochse und der Esel stehen dabei als alttestamentarische Überlieferung. Sie werden nicht ausgeschlossen, aber sie erhalten kein Futter auf gewohnte Art. Der Platz für ihre Nahrung wird freigegeben, damit etwas Höheres darin wachsen kann. Das Natürliche in uns verlangt, ständig mit Nervenreizungen gefüttert zu werden. Es fühlt sich erst lebendig an, wenn Sensationelles geschieht. In wortwörtlichem Sinne. Das Natürliche braucht «Action», es braucht Adrenalin im Blut. Wenn es gut genährt ist, wird es seinen Raum aggressiv erobern und verteidigen. Koste es, was es wolle. Es will sich in uns «verwirklichen». Der Esel und der Ochse in uns brauchen andauernde «Unterhaltung». Wenn sie diese Nahrung nicht erhalten, werden sie lahm, depressiv. Sie geben ihren Futtertrog nicht freiwillig her. Wenn es uns nicht gelingt, unsere Identität von ihnen abzukoppeln, sind wir an sie gebunden und durch sie bestimmt.

Solange wir nach grossartigen Selbsterfahrungen suchen, der Erleuchtung nachjagen, sensationelle Erfahrungen machen, uns in Selbstgefühlen suhlen oder uns als Retter oder Opfer dieser Welt wähnen, sind wir noch nicht auf dem Weg nach Beth-Lehem.

Es gibt viele mögliche Wege, die man gehen kann. Es gibt aber nur einen, der nach Beth-Lehem führt: Der Weg, den Johannes der Täufer vorbereitet hat und den Maria, die jungfräulich gewordene Seele, geht. Die grundsätzlichen Fragen, die entscheiden, auf welchem Weg wir uns bewegen, sind:

Wohin möchte ich

Author; Agnes Hidveghy Categories: Christentum

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Agnes Hidveghy

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Mittwoch, 22. November 2017 14:23