02
April
2017

Jenseits des Kreuzes - Gedanken zu Ostern

Auszug aus dem Buch Isenheimer Altar" (unveröffentlicht)

Pieta in L'abbaye de St Antoine, Frankreich

Sich bekreuzigen

  • Mit der Fingerspitze des Mittelfingers der rechten Hand berühre ich
  • die Stirn auf der Höhe des Dritten Auges: «Im Namen des Vaters ...»
  • den Solarplexus: «... des Sohnes ...»
  • linke und rechte Seite der Brust auf Herzhöhe: «... und des Heiligen Geistes»,
  • Ich falte beide Hände zusammen, wie beim Gruss der Inder, Fingerspitzen zeigen nach oben: «Amen»

Mit der horizontalen Bewegung wird DER WEG markiert. Der Weg in der Zeit, durch den die Wandlung möglich ist. Das Dritte wird zur Verbindung, zwischen Erschaffendem und Erschaffenem: Das ist der Heilige Geist. Er führt als Hoffnung (linke Brustseite) und Glaube (rechte Brustseite) zur Liebe, dessen Sitz im Herzen, in der Mitte ist. Diese Mitte ist der Schnittpunkt der vertikalen und horizontalen Bewegung, sie ist der Mittelpunkt der ganzen Schöpfung. Wie auf den frühen Darstellungen des Gekreuzigten.

Gurdjieff nannte Hoffnung, Glaube und Liebe «Die drei heiligen Impulse im Menschen». Er sah aber auch, dass sie tief verschüttet sind, kaum erreichbar für unser Bewusstsein. Sie sind aber in uns allen vorhanden. Wenn wir sie suchen, können wir die Ansätze finden, sie nähren, bis sie uns tragen werden.

Die einfachste Definition für Hoffnung ist: «Alles tun, damit es möglich wird.» Auch im Alltagsleben ist von vornherein Misserfolg programmiert, wenn wir uns nicht bemühen, mit der Begründung, es wird sowieso nicht gelingen. Niemand kann uns garantieren, dass unsere Anstrengung das bewirkt, was wir davon erwarten. Wie könnten wir aber das noch nicht Erfahrene, das ganz Andere uns überhaupt vorstellen oder sogar sichern? Hoffnung ist: Die Gewissheit, dass in der Zeit alles sich verändert und jenseits davon die, von unserem Zugriff verborgene Einheit diese Veränderung leitet. Diese Gewissheit ist uns allen eingeimpft, wenn es uns nur gelingt, jenseits von Verstand und von Emotionen zu gelangen. Auch wenn das nur für einen kurzen Moment geschieht; von da an wissen wir, was mit Gewissheit gemeint ist. An diese Erfahrung können wir jederzeit, unabhängig vom momentanen Zustand, uns erinnern.

Ich halte inne.

Ich suche nach dem Ort in mir, wo die Gewissheit ist:

Alles ist im Fluss der Veränderung und

jenseits der Zeit waltet die Bestimmung, die mir entgegenkommt.

Wenn ich mein Bemühen nur nicht aufgebe.

 

Mit Glaube ist das gemeint, was wir heute Vertrauen nennen. Vertrauen kann sich nur auf ein Wissen beziehen, das aus der existentiellen Erfahrung entstammt. Alles andere trägt nicht. Erst, wenn wir unsere Erfahrung der Einheit als etwas Besonderes erkennen, können wir daran glauben, dass dieses Wissen nicht mit dem Wissen des Verstandes vergleichbar ist. Dann reihen wir den Zustand der Einheit nicht neben den Alltagserfahrungen ein, sondern wissen, unser Bewusstsein wurde von der Ewigkeit berührt. Solche Momente haben wir alle erfahren. J. Anker Larsen beschreibt sie sehr treffend: «Man ist, man weiss, man will. Und was will man? Gerade dies. Gerade das Jetzt, das ist, und das Jetzt, das geschieht. Man will sogar seine eigene kümmerliche Begrenzung... Gerade der muss ich sein, dessen Leben so gleichgültig und überflüssig scheint. Das ist meine Aufgabe – draussen. Ich will mein Schicksal.» (Bei offener Tür)

 

Ich, so wie ich jetzt am Lesen bin, lasse mir Zeit,

damit die Erinnerung an der Erfahrung der Einheit auftauchen kann.

Ich vertraue in der anderen Qualität dieser Erfahrung.

Ich lasse nicht zu, dass Erklärungen und Zweifel den Glauben daran entkräften.

 

Im Herzen, der durch die Geste des Kreuzschlagens zum Kreuzungspunkt wird, kann die Liebe allmählich erwachen. Es ist die Liebe, die vereinende Kraft, die nichts ausschliesst. Die Liebe, die unabhängig ist von Mögen und Nichtmögen, unabhängig von Zeitlichem und Ewigem. Es ist die Liebe, die der Schöpfung zu Grunde liegt, auf allen ihren Ebenen wirksam ist. Sie manifestiert sich in der Materie als Gravitation, im Körper als Sympathie oder Sex, in unseren Gefühlen und als Mitgefühl jenseits davon. Keine Ebene wird ausgeschlossen, alles Erschaffene wird von ihr durchdrungen und von ihr in die Einheit zurückgebunden. Sie ist die einzige Kraft, die als Sehnsucht hinter allen Wünschen uns in die Einheit heimbringt. Es ist Liebe, an der ich Teil-nehme, die durch mich hindurchströmt, mich heimholt, und durch mich ausstrahlt. Es ist Liebe, die nicht mein ist, weil sie ist kein Besitz sein kann.

Mit dem Amen bringe ich durch die zwei Hände, die Existenz in die Welt hinaustragen, alle Erfahrungen wieder in die Mitte zurück. Alle Widersprüche, alles, was in der Zeit zersplittert zu Nacheinander wurde, Helles und Dunkles, Vergangenes und Zukünftiges, füge ich an dem einzigen Ort, der es fassen kann, zusammen: Im Herzen. Das Ja und das Nein, die Vollkommenheit des Göttlichen und die Unvollkommenheit des Menschlichen kann nur dort in die Einheit von Existenz zusammenschmelzen. Die Widersprüchlichkeiten müssen einander nicht mehr bekämpfen, sie erhalten eine neue Richtung, in der sie gemeinsam aufsteigen können. Das Ja muss das Nein nicht mehr erdrücken, weil sie erst miteinander das Ganze ausmachen. In diesem Ganzen ist nicht einmal der nötige Kampf auf der Ebene der Dualität ausgeschlossen, der gehört auch dazu. Nur das Herz des Menschen ist gross genug, um ALLES fassen zu können.

Mit der Geste des Amen ermögliche ich, dass mir Sein bewusst wird. Es soll mir helfen, die eigene Existenz zum Leben zu erwecken und nähren. Durch die Wahrnehmung meiner eigenen Existenz geschieht Erlösung.

Das Aufbauen der Brücke zwischen Solarplexus und Drittem Auge kann nur durch das Herz geschehen. Aus dieser Mitte ist das Hinuntertauchen aus der Ewigkeit in den Strom der Zeit geschehen. Die Substanz von Existenz hat sich in die verschiedene Erfahrungsbereiche ergossen und sie belebt. Durch das Blut von Existenz haben wir unsere Welt innerhalb den vier Elementen erschaffen können. Der Rückweg zur Ewigkeit kann auch nur durch die gleiche Mitte eingeleitet werden.

Mit dem Amen beziehe ich mich auf den einzigen Ort wo Erlösung überhaupt geschehen kann, auf den dimensionslosen Punkt: Auf das Ich bin. Dieser Punkt ist das «schmale Tor», das unsere Verbindung zur Ewigkeit bildet. Die Richtung zeigen die Finger bei dieser Geste: Ich bin bereit die Identität von ich bin zu opfern –im Sinne von Korban, näher bringen – damit das Ich bin aus dem Herzen geboren werden kann. Damit Jesus unseres Wesens, das substantiell mit dem Vater eins ist, Fleisch werden kann. In mir. Erst dann wird der Sinn der Worte zur lebendigen Wirklichkeit werden:

«Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.»

Author; Agnes Hidveghy Categories: Christentum

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Agnes Hidveghy

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Kommentare (1)

  • Andras Nagy

    14 April 2017 um 17:59 |
    Sollte man immer wieder bewusst machen

    antworten

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