16
Februar
2013

Sprung ins Unbekannte: FATALE BESCHEIDENHEIT

von Gitta Mallasz

Ich kenne einen bescheidenen, nüchternen Mann, den ich sehr schätze. Er steht in der Lebensmitte und hatte bisher viele innere und äußere Prüfungen des Lebens verantwortungsvoll durchlebt, ohne je großes Aufsehen davon zu machen. Kürzlich geschah ihm etwas Unerwartetes. Es rüttelte ihn derart auf, daß er seine Zurückhaltung vergaß und mir davon berichtete:

Serafim
Seraphim



"Ich befand mich in großen Schwierigkeiten, die alle meine Energien derart in Anspruch nahmen, daß ich, müde geworden, meine Stimme verlor und nicht einmal mehr flüstern konnte. So wurde ich gezwungen, in einer relativen Stille zu verharren, um mich auf einen möglichen Ausweg der Probleme zu konzentrieren. Da hörte ich plötzlich mit erstaunlicher Klarheit eine mächtige innere Stimme: `Du bittest nicht! Bitte! Du kannst um ALLES bitten!'

Ich erschrak tief, denn ich wusste genau, daß mein Engel zu mir sprach und ich fühlte mich schuldig, nicht zu bitten, konnte aber nicht darauf reagieren. Da wiederholte die innere Stimme mit noch grösserer Eindringlichkeit: `Du kannst um ALLES bitten! Für ALLE!'

Ich aber blieb wie erstarrt: stumm."


Es gibt sichere Kennzeichen für eine echte Engelbegegnung. Diese zeigen sich meiner Erfahrung nach selten in einer sofortigen Erfüllung der Bitte, sondern unter anderem im völligen Mangel an Romantik und in der Natürlichkeit des 'Übernatürlichen'. Das Erlebnis meines Bekannten zeugt davon. Trotz dem stimmte mich der Bericht dieses echten Erlebnisses beinahe traurig, wie eine verpaßte Chance. Ein edler, Lebens geprüfter Mensch war seinem Engel endlich begegnet, der ihm die Würde des Menschen als möglichem Fürbitter für die ganze Schöpfung offenbarte, indem er ihm bewußt machte, er könne für ALLE und für ALLES bitten, aber er tue es noch nicht. Und wie reagierte er? Er fühlte sich nicht erhoben, sondern "schuldvoll" niedergedrückt.

Wie war das möglich?

Im Gespräch stellte sich heraus, daß er sich selber diese Würde niemals zutraute, ja, sich zu schuldvoll dafür fühlte. Dies ist ein meist unbewußter Faktor, der aber in vielen von uns mehr oder weniger stark wirksam ist: es ist die fatale Erbmasse des der Menschheit seit 2000 Jahren eingeträufelten Schuldgefühle, das nicht nur meinen Freund, sondern viele unter uns erniedrigt. Er war - unbewußt - wie ein nichtiger Erdenwurm geworden, der im vermeintlichen Schlamm seiner Sündhaftigkeit herumkriecht.

Die Engel aber erwarten von uns die königliche Würde des verantwortungsvoll aktiven Erdenmenschen. Sie stehen hinter Schleusen mächtiger Heilsströme und warten mit bebender Ungeduld auf unseren bittenden Anruf, sie zu öffnen. Wir vier Freunde haben in einer Zeit großer Zerstörung immer wieder erlebt, wie neue belebende Kräfte heilend eingreifen möchten. Aber wer ruft sie bittend herab? Wir bleiben zumeist in fataler Bescheidenheit stumm.

OHNE BITTE KÖNNEN WIR NICHT GEBEN.
FRAGEN, BITTEN SIND ZEICHEN DES MANGELS.
OHNE MANGEL IST KEIN PLATZ ZU GEBEN. (202)

Die Engel künden vom "Unmöglichen", das jetzt schon möglich wird, falls wir darum bitten. Warum bleiben wir da im gewohnten Schlamm des Möglichen stecken? Die Bitte ist der Flügel, der uns über das Festgefahrene, Überholte erhebt.

Wer bittet? Um ALLES? Für ALLE?
Wer weiß um die Berufung, Fürbitter oder Fürbitterin der Schöpfung zu sein?
Hie und da bitten wir - von einem Unglück angespornt - für uns oder die uns Nächsten. So bleiben wir meist in der Be¬schränkung des Persönlichen haften.

Der belebende Rhythmus des Alls ist Bitten und Geben ... Bitten und Geben ...
Der Mensch ist berufen zu bitten ... der Engel zu geben ... und der Mensch gibt wieder weiter.

DAS GRÖSSTE, DAS ER UNS GAB,
IST, DASS WIR GEBEN KÖNNEN. (312)

Oft fühle ich das tiefe Leid der Engel, nicht geben zu können. Sie leiden an einer Welt, die von ganzheitlichen Lebensmög¬lichkeiten schwanger ist, und die dennoch nicht zur Welt kommen können, da noch niemand an sie glaubt, da noch niemand sie herabruft.

VERGLICHEN MIT DEM LEBEN DAS KOMMT,
IST DAS JETZIGE TOD. (185)

Tödlich lethargisches Schweigen ... oder neues Leben? Wir sind nicht nur für das verantwortlich, was wir tun, sondern ebenso für das, was wir unterlassen.

Als ich das meinem Freund sagte, fühlte er sich in die Enge getrieben, denn er forderte mich plötzlich beinahe aggressiv heraus, meine "private Reserve" zu verlassen.

"Ja, ich weiss, daß ich verstummt bin, daß ich in dieser Welt der Toten selbst zu einem Toten wurde ... Aber du ... die du mit den Engeln lebtest ... wie lebst du?"

"Auch ich kann das neue Leben in seiner unglaublichen Inten¬sität lange nicht dauernd ertragen, nur hie und da in gesegneten Augenblicken.

Aber ich weiß seit langem, daß ich wie ein nahezu ausgebildeter Schmetterling bin. Das Licht der neuen Dimension filtert sich langsam in die Dunkelheit der alten Puppenhülle ein und läßt mich mehr und mehr unbekannte Möglichkeiten ahnen. Reif geworden, werde ich sie leben ... vielleicht bald, denn die Schutzhülle wird schon zu einem Gefängnis ... also werde ich sie verlassen. Alles, was ich jetzt tun kann, ist, so zu leben, daß es möglich werde. Und schon das ist leidenschaftlich interessant."

Mein Freund antwortete zögernd: "Was du da sagst, scheint mir möglich, da es `natürlich' ist.
Jetzt hast du es mir schwer gemacht, in meine alte, bescheide¬ne Reserve zurückzukriechen!"


Wir mußten lachen, beide dankbar und befreit.

Archangels Michael and Gabriel
Archangels Michael and Gabriel

Categories: Christentum

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