16
März
2011

Isenheimer Altar - Geburt Jesu

Isenheimer Altar - Geburt Jesu

Auszug aus dem Buch Weihnachten von Agnes Hidveghy

Die Schöpfung geschieht in jedem Augenblick neu. Die Geburt Jesu geschieht in jedem Menschen das erste Mal

 

Colmar Altaransicht 400

Museum Unterlinden, Colmar, Frankreich

 

 

 

isenheim animation

 

Isenheimer Altar: Animation von den drei Schauseiten

In der Schöpfung hat alles Bewusstheit: Jedes Atom, jeder Himmelskörper, jede Pflanze und jeder Mensch. Bewusstheit schafft Beziehung zwischen einem kosmischen Gebilde und seinem Umfeld. Bewusstheit ist die notwendige Voraussetzung für den Aufbau und das Funktionieren jeder relativ selbständigen Existenz, auf allen Ebenen.

Einzig der Mensch ist fähig, seiner eigenen Existenz bewusst zu werden. Wenn wir nicht nur Bewusstheit haben, sondern uns unserer eigenen Existenz bewusst sind, nehmen wir an dem ewig-neuen Augenblick teil. Bewusstsein kann man nicht besitzen, der Mensch kann es nicht haben. Wie könnte das SEIN je zum Besitz werden? Nur das, was ich habe, kann ich verlieren. Es kann von mir jederzeit genommen werden.

Den Unterschied zwischen Sein und Haben drücken wir in der Sprache sehr exakt aus, wir hören nur nicht zu, was wir sagen. Wir sagen zum Beispiel nicht «ich bin Gefühl» sondern ich habe das Gefühl. Wir sprechen von meinem Körper, meiner Stimme, meiner Erfahrung, meinen Gedanken, meinem Wissen, meiner Fähigkeit u.s.w. Wir setzen selbstverständlich voraus, dass es ein Ich gibt, das all dies besitzt und wahrnimmt.

Die entscheidende Frage ist nicht, was ich besitze, oder wer ich bin in meinen Funktionen, sondern ob ich bin. Ob ich denjenigen, der all die Erfahrungen wahrnimmt, wahrnehmen kann. Es ist nicht die zentrale Frage, was ich erfahre, sondern dass ich es erfahre. Bin ich überhaupt, wenn ich meiner eigenen Existenz nicht gewahr bin? Oder besteht meine Identität aus den Habseligkeiten, die dauernd wechseln, und sich immer wieder auflösen? Solange Identität mein Besitz ist, d.h. ich und meine Identität getrennt sind, bin ich, als Existenz in den Vorgängen der Vergänglichkeit gefangen.

Wie kann in mir die Geburt der unsterblichen Identität geschehen?

Was ist mein Weg des Bewusstwerdens des Seins?

Wie finden wir die enge Tür zur Ewigkeit?

Damit diese Geburt geschehen kann, ist eine Vorbereitung notwendig. Unsere Identität, die wir aus dem beziehen, was wir haben, müssen wir opfern. (Ich ziehe diesen Begriff dem heute modischen Begriff loslassen vor.) Das Wesen des Opferns wird meistens missverstanden. Es geht nicht darum, dass wir unseren Besitz - auf welcher Ebene auch immer - sinnlos opfern, sondern unsere Identität von dem, was uns zur Verfügung steht, abkoppeln. Das wird erst möglich, wenn wir fähig sind unsere Identifikation in den unterschiedlichsten Bereichen überhaupt zu erkennen. Der Weg, der dazu führt, ist der Weg der Wandlung.

Die Geburt des Seins geschieht immer das erste Mal, immer in der Gegenwart. Die Sprache hat keine Möglichkeit es auszudrücken. Die ewige Gegenwart hat sich nicht erst vor 2000 Jahren mit der Geburt des historischen Jesus manifestiert, wie es von der Kirche interpretiert wird. Dieses Geschehen ist keine Vergangenheit und keine Zukunft. Es ist nur in der Gegenwart ausdrückbar, es ist ewige Gegenwart. Es geschieht nicht erst auf diesem Planeten, in diesem Sonnensystem, und wiederholt sich nicht heute oder irgendwann, irgendwo. Immer und überall in der Schöpfung geschieht es das erste Mal. Die Geburt des BEWUSST-SEINS geschieht aus der, im Augenblick geschehenden neuen Schöpfung.

Das BEWUSST-SEIN ist die Mitte der neuen Schöpfung. Jetzt. Und in aller Ewigkeit.

DAS GESAMTBILD

 

Isenheimer Altar, Zweite Schauseite

 

Die zweite Schauseite des Isenheimer Altars

Die vier Stationen im Prozesss der Wandlung sind auf den vier Bilder der zweiten Schauseite dargestellt. Dieser Weg führt zur Einheit, zur Aufhebung der Trennung zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Schöpfer und Schöpfung, zwischen Ewigem und Vergänglichem. Zwischen Sein und Werden. Dieser Weg führt aus der Dualität heraus.

 

Isenheimer Altar, Geburt Jesu

 

Geburt Jesu

Die Geburt Jesu ist das dritte Bild auf der zweiten Schauseite. In der Gesamtkomposition ist es die siebente Szene, mit der Darstellung der siebenfachen Schöpfung. Es ist keine Weihnachtsszene der üblichen Art. Das Bild zeigt die voll entfaltete Schöpfung, die ihren Sinn und Höhepunkt damit erreicht, dass das BEWUSSTE-SEIN in dieser Welt erscheint. Jesus, der Jehoschua, der sinngemäss «Das SEIN, das herrscht» bedeutet, kommt durch die Gottesgebärerin, wie Maria auch genannt wird, auf die Welt. Durch Maria, die jungfräulich reine Seele. Sie bringt den Sohn auf die Welt, der substantiell «mit dem Vater gleich ist». Es ist die Inkarnation, das Fleischwerden des Wortes. Dadurch ist Gott Mensch geworden. Ein hier und jetzt erfahrbares Wunder, durch die diesseitigen Begriffe wiederum nicht auszudrücken.

Die Trennung ist noch nicht aufgehoben: Zwischen der irdischen Welt und der Lichtwelt des Schöpfers schwebt noch die trennende «Wolke des Nichtwissens». Das SEIN ist zwar geboren, ist aber noch ein Kind. Die Trennung wird erst aufgehoben, wenn das SEIN herrschen wird.

In der Ostkirche wird dieses «Sein, das herrscht» Christus Pantokrator, der Weltherrscher genannt. Das Gefäss, das den alten Griechen zum Mischen von Wein und Wasser diente hiess Krater. Der Mensch ist das Gefäss, der Krater, der Ort der Vereinigung von Göttlich-Männlichem und Irdisch-Weiblichem. Im katholischen Messopfer wird heute noch dieses Vermischen von Wein und Wasser als symbolische Handlung vollzogen. Erst wenn das Irdische mit dem Göttlichen durch den Menschen in einer unzertrennbaren Mischung vereint ist, ist die menschliche Bestimmung erfüllt.

Auf der linken Seite des Bildes entfaltet sich die Schöpfung aus der Lichtwelt des Schöpfers hinuntersteigend, bis zum steinigen Boden dieser Welt. Dieser Boden ist schon bearbeitet: Er ist mit behauenen Steinen zur Basis geworden.

Der himmelwärts aufsteigende Strom beginnt auf der rechten Seite Marias. Die aus dem Boden wachsenden Rosen sind seine Quellen. Durch die lebendige Fähigkeit der pflanzlichen Bewusstheit wird die Energie des Lichtes eingefangen. Dank dieser Energie wird die Materie der Erde als umgewandelte, lebendige Substanz gegen die Schwerkraft gehoben: Die Pflanze wächst. Die Blüte entfaltet dann den Duft, der, sich vom Grobstofflichen lösend, im Feinstofflichen weiter emporsteigen kann.

Maria thront als Verbindung zwischen den zwei einander entgegengesetzten Strömungen, in sich ruhend, mit dem Kind eine Einheit bildend. Sie ist mit ihrer überragenden Erscheinung gleichzeitig die lebendige Verbindung, die Brücke zwischen Welten verschiedener Ebenen. Sie ist für diese Rolle vorbereitet. Sie hat einen Weg hinter sich.

Den Weg geht immer das Weibliche. Das Werden ist der weibliche Aspekt in Bezug zum Sein, das in diesem Zusammenhang männlich ist. Es ist das Weibliche im Menschen, das das Göttlich-Männliche auf die Welt bringt; auch im Mann. Dieses Weibliche nennen wir Seele.

 

DER NATÜRLICHE MENSCH

 

Isenheimer Altar, Vier Rosen

 

Detail vom Bild Geburt Jesu

Rechts von Maria ist im Hintergrund eine scheinbar nebensächliche, leicht übersehbare kleine Szene dargestellt, wie isoliert vom kosmischen Geschehen. Auf den Bildern Grünewalds gibt es aber nichts Zufälliges. Diese Idylle eines Klosters an einem Teich ist ein Teil des kosmischen Planes, in dem alles mit allem zusammenhängt.

In der Verbindung dieser in sich geschlossenen kleinen Welt mit den vier Rosen liegt das Geheimnis des Weges, den Maria, die rein gewordene Seele, gegangen ist.

Eine Szene abseits vom eigentlichen Geschehen. Der kleine Teich und an seinem Ufer ein Gebäudekomplex: Geborgen in der Natur, idyllisch, ruhig, mit einem grossartigen Bauwerk. Es könnte ein Kloster sein.

Wenn wir dieses Kloster betrachten, fallen einige Unstimmigkeiten auf. Links ist unverkennbar eine Kirche mit sieben Fenstern und drei Öffnungen im Dach. Der Chor steht aber mit den drei Öffnungen wie angeklebt an einem anderen Gebäude ohne Turm. Wo gibt es überhaupt einen Zugang? Die Gebäude sind wie zufällig zusammengewürfelt. Zwischen der Ebene des Teiches und dem steilen Hügel gibt es keine Verbindung: Keinen Weg, keine Treppe. Grünewald malt sehr exakt, er stellt genau das dar, was er vermitteln möchte. Die einzige Verbindung scheint die Treppe auf der Mauer im Vordergrund zu sein, in Verbindung mit einer der Rosen - die wir später betrachten werden. Die Türme enden alle betont in Dualität. Es gibt nirgends eine Spitze, die Einheit signalisieren würde. Die kleinen, leuchtend glänzenden Kugeln an den Turmspitzen machen es deutlich, was hier gemeint ist. Diese Türme reichen auch nicht über die Natur, nicht über den Wald hinaus. Der dunkle Wald, der für Unbekanntes, Unbewusstes steht, ist mit einer Mauer ausgeschlossen. Der ummauerte Platz ist nur horizontal geöffnet, aus dem Bild in das Nichts hinaus führend.

Diese kleine Idylle ist ein Teil des kosmischen Schöpfungs-Geschehens. Genauso, wie der Mensch ein Teil dieses Schöpfungsplanes ist, ein Teil, den man in Anbetracht des unermesslichen räumlichen und zeitlichen Ausmasses des Universums leicht übersehen könnte

Im kosmischen Plan nimmt der Mensch diesen Platz ein, solange er sich nicht auf den Weg macht. Der Mensch, als Teil der Natur, als Tier plus Verstand, bleibt mit seinen Emotionen und mit seinen selbstgebauten Konzepten in einer kleinen, ihm vertrauten Welt eingesperrt. So, wie er im normalen Leben funktioniert. Er hat seine Vorstellungen und Meinungen über Gott und die Welt - und vor allem über sich selbst, die ihn wie Mauern umgeben und einschliessen. Er bleibt zwischen Geburt und Tod eine isolierte Erscheinung im Universum. Er stellt sich keine Fragen, die ihn aus dieser erklärbaren, seiner Vorstellung nach bekannten, begrenzten Welt hinausführen würden. Er hat auf alles seine Antworten, die er von anderen fertig übernommen hat. Sie sind seit seiner Geburt durch Konditionierung entstanden, oder sie werden gegen neue, ebenfalls kollektiven Denkschemen eingetauscht. Er überschaut die Begrenzungen von kollektiven Denkmustern nicht. Er sieht nicht über die Mauern hinaus. Und vor allem verwechselt er Bewusstheit mit Bewusstsein. Er ist in Konzepten gefangen.

Konzepte sind von Emotionen und Gefühlen durchsetzt und viel mehr von ihnen abhängig, als wir es allgemein annehmen. Die beiden Bereiche durchdringen und bedingen einander - auch dort, wo sie einander bekämpfen oder einander gegenseitig erdrücken und ausschliessen. Die meisten Menschen verbringen ihr Leben in der Auseinandersetzung zwischen den beiden Bereichen.

Solange der Mensch sein Leben in einer Selbstverständlichkeit in dieser Zwischenwelt lebt, öffnet er sich für das Erkennen seiner Lage im kosmischen Geschehen nicht. Er merkt nicht, dass er in einer kleinen Welt eingesperrt und mit unüberwindlichen Mauern umgeben ist. Er kann sich ausdehnen im Wissen und im Erwerben von Fähigkeiten, er kann sich das Leben bequemer, angenehmer gestalten, damit geschieht aber nur eine horizontale Bewusstseinserweiterung. Er nennt das zwar Ganzheit, doch das führt ihn nicht aus der Begrenztheit seiner Welt der Vorstellungen hinaus.

Das geschieht dem Menschen nicht aus Schuld, sondern als Teil eines kosmischen Planes. Er kennt nichts anderes als diese kleine Welt, obwohl aus der Tiefe seiner Seele immer wieder die Sehnsucht nach etwas Undefinierbarem auftaucht. Diese Sehnsucht nach einer anderen Dimension des Lebens projiziert er dann in das Noch-mehr, in die Ausdehnung auf der gleichen Ebene, wo er sich befindet. Er weiss nichts von einem Weg, der es ihm ermöglichen würde, nach seiner kosmischen Identität zu suchen: Nach seiner Identität im SEIN, der Identität, die er niemals verlieren kann.

Der Mensch wähnt sich in seinen Konzepten geborgen, die fühlen sich wie solide Gebäude an. Diese Konzepte können je nach Konditionierung einfach sein - wie nützliche Scheunen und Wirtschaftsgebäude - oder erhaben - wie Kirchen und Kathedralen. Sie können in enger Verbindung mit dem Wasser - den Emotionen - stehen, wie das schlichte Gebäude am Seeufer auf dem Bild. So ein Gebäude kann bereits durch einen heftigen Platzregen unterspült werden! Andere bauen mit grossem Aufwand Gedankenkonstruktionen hoch über dem Wasser, die Burgen oder Kathedralen gleichen. Vor der Unberechenbarkeit des Wassers bieten diese Zuflucht - wenigstens für eine Weile. Solche Leute sind in ihrer eigenen Grossartigkeit eingesperrt und damit von der verlebendigenden Quelle ihrer Emotionen abgetrennt.

Die Teile aller Konzepte sind zusammengewürfelt. Durch sie entsteht keine aus einem grösseren Zusammenhang organisch gewachsene Gestalt. Ein Konzept steht isoliert für sich, pulsiert und lebt nicht mit dem kosmischen Plan. Jedes Konzept hat nur in sich, aus dem Ganzen herausgerissen, einen Eigen-Sinn, der in einem grösseren Zusammenhang bedeutungslos zusammenbricht.

Jahrzehnte habe ich gebraucht um zu verstehen, was mit Konzept gemeint ist. Ich habe auch vergeblich versucht, die Konzepte aufzugeben. Dabei erging es mir so, wie bei einer klebrigen Masse, die man mit der einen Hand von der anderen abzustreifen versucht: Die ganze Masse bleibt an der anderen Hand kleben. Eines Tages musste ich einsehen, dass das Aufgeben der Konzepte auch ein Konzept ist. Erst dann habe ich begriffen, was mit Konzept überhaupt gemeint ist. Erst dann ist mir aufgegangen, was ich seit Jahrzehnten gelesen und gehört habe: Unsere Wahrnehmung ist durch die Konzepte verschleiert. Ich habe begriffen, dass es nicht möglich ist, diesen Schleier von heute auf morgen loszuwerden. Schon gar nicht aus eigener Kraft.

Ich, der Leser, frage ich mich:

Wie könnte ich etwas loslassen, das ich nicht erkenne?

Womit ich bis in die Knochen durchtränkt bin,

und von dem ich den Eindruck habe, dass ich das bin

und von dem ich meine, dass es die Wirklichkeit ist?


Loslassen ist ein sehr heimtückisches Konzept! Diese Erkenntnis liess mir keine andere Wahl, als mich, im Vertrauen auf die Führung einer inneren Instanz, Schritt für Schritt von den Konzepten reinigen zu lassen.

Dieser Prozess der Reinigung ist so einfach, dass wir sie in ihrer Bedeutung gar nicht erkennen können. Unsere Sucht nach Sensationen - die wir oft mit uns spüren benennen - will ihn gar nicht wahrnehmen. Es geht hier nicht nur um Konzepte von Gott und der Welt, sondern, wie schon gesagt, in erster Linie um diejenigen von uns selbst. Die Fähigkeit, direkt wahrzunehmen muss geschult werden. Es braucht Zeit, bis wir fähig sind, Konzepte als solche überhaupt zu erkennen, und sie nicht mit der Wirklichkeit zu verwechseln.

Wir sehen nicht den Baum, der in seiner Lebendigkeit, JETZT, einmalig vor uns steht, weil das Konzept, das in der frühesten Kindheit in unserem Gehirn vom Baum entstand, dazwischen steht. Wir sehen nicht den Raum, weil unser Gehirn durch die Wahrnehmung der Linien den Raum bereits definiert. Wir können die Fähigkeit der direkten Wahrnehmung sehr einfach schulen und verfeinern. Die Notwendigkeit der Schulung der Wahrnehmungsfähigkeit wird auch in der Psychologie oft übersehen.

Unsere Wahrnehmungsfähigkeit kann nur dann verfeinert werden, wenn wir uns durch das «ich weiss es schon» und das «ich habe das Gefühl» nicht verschleiern lassen. Wenn wir so hinschauen, wie wenn wir die Augen zum ersten Mal auf diesem Planeten öffnen würden. Wenn wir so hinhören, wie wenn unsere Ohren zum ersten Mal Töne aufnehmen würden. Jetzt, zum ersten Mal. Und immer wieder sich wundernd zum ersten Mal.

Hier führt kein Wissen allein weiter und keine direkte Anstrengung führt zum nötigen Verstehen. All unser Bemühen würde uns in dem kleinen bekannten Kreis festhalten, würde noch einen Schleier mehr über die Wirklichkeit ausbreiten. Wir kennen nur die Wege, die von uns weg führen, in das unendliche Nichts hinaus.

Was wir aber brauchen ist ein Weg, der zu uns selbst führt. Das wäre auf dem Bild der Raum, wo Maria thront: Der ebenfalls mit Mauern geschützte Garten, der uns näher ist, als diese idyllische Zwischenwelt mit den grossartigen Gebäuden. Erst aus diesem geschlossenen Garten führt das Tor in die freie Landschaft hinaus.

Es führt kein Weg an Maria vorbei. Die Treppe in der Wand, die aus der Zwischenwelt herausführt, endet auf der Höhe von Mariens Herz.

Der Weg führt erst aus dem Garten, aus dem sie hinausragt, hoch über die Gebäuden hinweg. Die Menschen auf diesem Weg sind wie Riesen im Bezug zu den Häusern. Und wieder: Der Fehler in einem Bild hat eine wesentliche Aussage, deren Sinn in ihrer Tiefe nur dann offenbar wird, wenn wir dabei verweilen, ohne Erklärungen in unserem Kopf zusammenzubasteln. Wenn wir es betrachten, ohne die Assoziationsketten, die in unserem Hirn eingraviert sind, zu benutzen.

Kann ich, der Leser, jetzt das Bild auf diese Art wieder anschauen?

 

Nach Platon (Timaios) wird die Welt aus dem Bezug zwischen Feuer und Erde erschaffen - «und weil die Welt dreidimensional ist, braucht es noch zwei Elemente dazwischen» - die sind: Luft und Wasser.

Ich erinnere mich: Es geht um die Erschaffung der Welt in mir,

und nicht irgendwo ausserhalb von mir.

Und mit mir meine ich den Menschen, der gerade diese Zeilen jetzt liest.

Für diesen Prozess ist die Verbindung

zwischen den Welten von Feuer und Erde in mir notwendig.

Spiritualität ist die Verwirklichung der im Menschen angelegten Möglichkeit, die eigene Welt, sich selbst, fertig zu erschaffen. Dort, wo der Mensch sich allein mit seinen Gefühlen und seiner Denkfähigkeit identifiziert, kann keine Welterschaffung geschehen. Es ist der Stoff der Vorstellungen, woraus Spiegelungen und Luftschlösser aufgebaut werden, die sich dann irgendwann in Nichts auflösen werden.

Klettern wir also aus dieser geschlossenen Zwischenwelt über die Treppe des Verstehens zum Herzen Marias hoch. Machen wir den Weg gemeinsam von dem Bekannten, Vertrauten, zum kosmischen Geschehen in uns. Die vier Rosen und die drei Knospen sind dabei unsere Wegweiser.

DER ERSTE AUFSTIEG

Die Idee Mensch wird in Zeit und Raum als Prozess verwirklicht. Dieser Prozess entsteht und besteht aus den vier Elementen, aus den vier Substanzen, die das Werden des Seins ermöglichen. Hier, als die vier Rosen dargestellt, sind diese Möglichkeiten in den vier Bereichen unserer menschlichen Erfahrungen voll erblüht.

Die drei Knospen dazu sind die aus dem Verborgenen wirkenden Kräfte, die in dieser Welt nicht direkt sichtbar erscheinen. Sie bewegen aber alles, was in der Manifestation Gestalt annimmt. In der christlichen Terminologie werden sie die heilige Dreifaltigkeit genannt. Als innere Erfahrung sind sie die unterschiedlichen Aspekte von Energie, die in jeglichem Prozess zusammenspielen.

Ich betrachte den Bildausschnitt.

Was sagen die Rosen?

Sie sind in vier Ebenen angeordnet und neigen sich in verschiedene Richtungen. Da unser Weg von unten nach oben ein Aufstieg ist, fangen wir mit der zuunterst angeordneten Rose unmittelbar am rechten Rand des Bildes an.

Die erste Rose

ist die unterste, steht für Element Erde: Unsere Körperhaftigkeit, wie sie sich aus der Materie des Planeten Erde durch die Evolution gebildet hat. Sie bleibt in der Mauer stecken, und durch ihre Neigung führt sie aus dem Bild hinaus. Sie ist noch nicht voll erblüht: Die Inkarnation ist noch nicht zur letzten Vollendung gelangt. Die Instinkte, die Selbst- und Arterhaltungstriebe gehen die Wege der Natur, sie binden uns in die Prozesse der Natur ein. Sie ermöglichen das Funktionieren unseres Körpers. Sie sind lebensnotwendig, und sie sind an und für sich gut und nützlich. Die Frage ist nur, was unser Ziel ist. Leben wir für die Bedürfnisse des Körpers oder geben wir dem Körper, was er braucht, um fähig zu sein, als äusserste Hülle Existenz durch die Zeit hindurchzutragen? Vorläufig «haben wir einen Körper, wir sind aber noch nicht zum Leib geworden» (Dürckheim). Wir sind für den Körper verantwortlich, es ist uns als ein wundervolles Vehikel anvertraut. Diese Rose führt uns aber nicht zum zentralen Geschehnis direkt weiter.

Die zweite Rose

ist im Wasser. Sie neigt auch noch zum Rand hin und ragt nicht über das Wasser hinaus. Es ist die Welt der Emotionen, die aus dem gleichen Stamm wie diejenige des Körperlichen erblüht. Es ist das Flüssige im Menschen, das wellenartige Kommen und Gehen von Stimmungen und Emotionen, mal sanft dahinplätschernd, mal stürmisch alles wegfegend. Sie verändern sich ständig, bleiben aber eigenen Gesetzmässigkeiten gehorchend, immer wiederkehrend, die gleichen. Durch sie ist der Anschluss an das kosmische Geschehen auch nicht direkt gegeben. Wir können Emotionen noch so oft herauslassen, ausleben, oder sie schlucken und verdrängen, sie führen uns nicht weiter. Ihre Substanz wird in sich verbraucht. Im besten Fall werden sie für diesseitiges Aufbauen benutzt, oft genug aber entladen sie sich zerstörerisch. Das Gebäude hinter dieser Rose könnte als rechtfertigende Gedankenkonstruktion angeschaut werden. Ein Gebäude, das sehr tief, nahe am Wasser gebaut ist und schon nach einem starken Regen unterspült werden könnte. Es ist ein Aufblühen in der Erfahrung der Emotionen und Gefühle. Aber die Frage ist: Wollen wir immer den Gezeiten ausgeliefert bleiben? Ist das nicht genau der Zustand des Narcissos, der in sein Spiegelbild im Wasser verliebt ist und daran gebunden verhungert? Ist das die Lebendigkeit, wonach wir aus der Tiefe unserer Seele suchen? Sind wir zufrieden mit dieser Art von Abhängigkeit durch die Gefühle, die uns immer wieder auch in die Tiefe reissen oder leer zurücklassen kann?

Die dritte Rose

ragt am höchsten hinauf. Sie strahlt Licht nach unten aus, zu den Rosen der Körperlichkeit und der Emotionen hin. Das Feuer, der Wille, bringt uns himmelwärts - direkt in die Gebäude der Konzepte hinein. Unser Wille wird vom mentalen Gebäude des Eigensinns kontrolliert. Horchen wir gut hin: Was ist Eigensinn?

Wenn wir ehrlich sind, dann müssen wir bekennen, dass wir den Sinn des Lebens und unseres Daseins, den Sinn der Schöpfung und ihrer Prozesse nicht kennen. Aber wir können ohne Sinn nicht leben, also basteln wir einen Sinn in unserem Kopf zusammen. Wir geben dem, was geschieht, einen Sinn. Wir konstruieren nach unserem Teil-Verstehen ein Gebäude sinnhafter Zusammenhänge, das zusammengewürfelt und nicht aus der Ewigkeit gewachsen ist. Dieser Eigensinn gibt dann die Kraft zum Eigenwillen, bis eine grössere Dimension so eingreift, dass der Sinn, der aus unserem Unverständnis entstanden ist, in sich zusammenbricht. Wir verstehen dann Gott und die Welt nicht mehr. Wir sind enttäuscht von der Welt und von uns, und nehmen nicht wahr, dass wir auf dem Sand unserer Vorstellungen gebaut haben. So verliert unser Wille den Hintergrund - die Motivation. Wir enden im Zweifel - in den zweifachen, leuchtenden Endungen auf den Dächern und Türmen. Wir sind ent-täuscht, die Kraft verlässt uns. Dabei könnte in uns Dankbarkeit entstehen, weil eine Täuschung von uns genommen wurde. Wir wurden dadurch zur Wirklichkeit näher gebracht. So angeschaut kann jede Enttäuschung zur neuen Kraftquelle werden.

Eine der drei Knospen unterstützt diese Rose des Feuers. Diese Blüte ist in dieser diesseitigen Welt nicht aufgegangen. Könnte diese Knospe das Vertrauen verkörpern? Das Vertrauen, dass es einen grösseren Zusammenhang gibt, welchen wir jetzt nicht sehen können? Könnten wir uns dann neigen, uns dorthin begeben, wo das Verständnis wachsen kann und uns Richtung Gewissheit weiterführt? Weist nicht die Knospe, die aus dem gleichen Stiel wächst, dorthin, wo erst durch einen Abstieg der Weg nach oben weiterführt? Wie schön drücken wir es unbewusst aus: Ent-Täuschung! Jede Enttäuschung ist ein Heruntersteigen. Wir könnten dankbar annehmen, dass wir aus der Verkeilung, in die wir durch eine Täuschung hineingeraten sind, durch eine Ent-täuschung wieder herausgehoben werden! Hätten wir sonst je gemerkt, dass wir in einer Täuschung gefangengehalten wurden?

Die vierte Rose

ist zwar wieder in der Wand - wie die erste - sie führt aber zu eine Treppe in der Wand. Der Weg ist sehr konkret: Hier wird die Wand zum Weg - die Wand führt zur Wandlung. Diese Rose ist voll erblüht und wird von der Knospe überschattet, die sich von oben nach unten neigt. Auf gleicher Höhe, aus dem gleichen Stiel, wächst auch noch eine zarte Knospe. Die wirkt so, wie wenn sie die offene Blüte zur Treppe und damit zu Maria hin drücken würde. Vielleicht sind dies die Zufälle, hinter denen wir die wirkende Wirklichkeit noch nicht erkennen können.

Diese Rose strebt nicht so hoch hinauf, wie die des Feuers. Sie findet aber den Weg zur ROSE hin, die aus dem Himmel wächst.

Ich schaue das Bild verkehrt, auf den Kopf gestellt an,

damit ich den Rock der Maria klar als die himmlische Rose erkenne

 

Isenheimer Altar, Himmlische Rose

 

The Heavenly Rose

Die vierte Rose ist das Element Luft, das Mentale, das Erkennen, das Verstehen, an dem wir arbeiten können. Es gibt heute viele Möglichkeiten, die uns zum Erkennen führen. Vielleicht gab es auf diesem Planeten noch nie eine solche Vielfalt von verschiedenen Traditionen wie heute, die wir alle studieren können. Wir haben doch auch unsere Erfahrungen, die uns tagtäglich gegeben sind, um zu verstehen. Die können uns nur dann lehren, wenn wir unseren Eigensinn und Eigenwillen erkennen und bereit sind, Fragen zu stellen. Nicht nur in einer ausweglos scheinenden Situation, aus Zweifel, sondern als neue Öffnung zu Bereichen jenseits von selbstverständlichen Antworten. Um die Antworten aufzubrechen, die uns gegeben wurden, ist das Studium alter Traditionen notwendig. Gleichzeitig sollen wir aus der Sehnsucht, aus der Unvollkommenheit und Unsicherheit, aus unserem Leiden unsere eigene Frage suchen. Die Frage, die uns auf unserem individuellen Weg zum Verstehen führt.

Diese vierte Rose führt zur Treppe in der Mauer und damit zu Maria hin, welche DIE ROSE IST. Von oben gewachsen und aus der Wurzel der Schöpfung genährt. Die anderen vier Rosen wachsen aus der Erde: Aus der Vergänglichkeit. Sie sind Abbilder der himmlischen ROSE DER SCHÖPFUNG, die den SINN DER SCHÖPFUNG auf die Welt bringt: EXISTENZ. In der Ostkirche wird Christus als Pantokrator (etwas ungenau mit Weltherrscher übersetzt) oft mit den Buchstaben Omega-O-N um den Kopf dargestellt: Der SEIENDE; derjenige, DER IST; EXISTENZ.

Maria kann EXISTENZ AUF DIE WELT BRINGEN, indem sie bedingungslos empfängt - annimmt, - was und wie es auch kommt: «Siehe, ich bin des Herren Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast.» Im Hebräischen ist Empfangen und Geben das gleiche Wort: Kibel.

Die vier Rosen der Vergänglichkeit sind schön, aus ihnen besteht unser diesseitiges Kommen und Gehen, unsere Erfahrungen im körperlichen, emotionalen, mentalen und impulsgebenden Bereich. Alle Prozesse des Menschseins, alle Erfahrungen in der Zeit sind aus diesen vier Stoffen von unterschiedlichen Dichte entstanden und ineinander verwoben. Ihre Verbindungen entstehen in der Zeit, in immer neuen Verknüpfungen - und wenn ihre Zeit vorbei ist, verschwinden sie, unabhängig davon, ob wir diese Tatsache gern haben oder nicht. Unsere Identität blüht und welkt mit ihnen. Es sei denn, wir haben DIE ANDERE IDENTITÄT aus einer unvergänglichen Dimension gefunden. Unsere Identität ist durch die Identifikation mit den irdischen, aus der Erde gewachsenen Rosen entstanden. Wir haben Bewusstheit, die durch sie entstanden ist, aber Bewusst-Sein ist verloren gegangen. Und wir wollen alles haben, besitzen, damit wir darüber verfügen können. Über das Sein können wir nicht verfügen, das Sein entzieht sich jeglicher Macht. Nochmals: Das SEIN können wir weder bewusst noch unbewusst haben.

Alles, was wir haben, verlieren wir irgendwann, weil einmal die Zeit jeder Erscheinung vorbei ist. Das, was jenseits der Zeit existent ist, lässt sich in einer begrenzten Zeit durch eine Erscheinung erfahrbar machen. Auch Bewusstheit kommt und geht. EXISTENZ ist aber ewig - BEWUSST-SEIN ist jenseits der Zeit. Was uns möglich ist: Jeden Augenblick an der Ewigkeit teilzunehmen. Hinter all unserem Suchen und Sehnen verbirgt sich das Wissen der Seele, dass es diese Ewigkeit gibt: Diese «Ewige Gegenwart».

Die himmlische Rose, die reine Seele hat diesen irdischen Weg «durch den Dornenwald» hinter sich gebracht. Ihr Weg beginnt dort, wo ich, so wie ich bin, gerade jetzt meinen Weg beginnen kann. Dieser Weg führt durch die vier Darstellungen von Maria bis zur Geburt Jesu: Maria in Weiss und Maria von Magdala auf der Kreuzigungsszene, Maria im schimmernden Schwarz bei der Verkündigung und Maria im Feuer auf dem Bild des Engelskonzertes.

Immer wieder beginne ich von neuem, aus dem gegebenen JETZT. Dieses JETZT kann nicht in der Vergangenheit und nicht in der Zukunft liegen, sondern einzig und allein im Jetzt der Zeit ist es enthalten.

Die Frage ist die:

Wie kann ich, der ich am lesen bin, die Fähigkeit erlangen,
im Jetzt der Zeit das JETZT der Ewigkeit wahrnehmen zu können?

Die Bilder geben uns Orientierung, wie Landkarten in einer Landschaft, die uns unvertraut ist. Um eine Landkarte lesen zu können, brauchen wir Grundkenntnisse. Wir müssen wissen, wie man zum Beispiel die Himmelsrichtungen auf Grund des Sonnenstandes oder der Sterne in der Nacht bestimmt. Eine weitere Voraussetzung ist die grundsätzliche Fähigkeit der Unterscheidung in der Wahrnehmung. Es ist notwendig, zwischen einer Wiese und einem Kornfeld, zwischen einem See und einem Fluss oder einem Sumpf unterscheiden zu können. Oder es braucht Übung, die Risiken eines abschüssigen Weges zu erkennen und einzuschätzen. Und es braucht Erfahrung, unsere Fähigkeiten richtig einzuschätzen.

Beginnen wir den Weg JETZT gemeinsam. Jeder kann nur für sich das, was auf der Landkarte dargestellt ist, auf die Landschaft übertragen, in der er sich gerade befindet. Denn:

«ES GIBT SO VIELE WEGE,

WIE MENSCHLICHE WESEN IN DER SCHÖPFUNG -

ABER ES GIBT NUR EINEN WEG.»

Author; Agnes Hidveghy Categories: Isenheimer Altar

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Sonntag, 25. Juni 2017 22:45