17
Dezember
2018

WIE EIN ICH GEBOREN WIRD

Agnes Hidveghy: Ein Kapitel aus dem Buch „Stille Nacht“

WIE EIN ICH GEBOREN WIRD

Meine Erfahrung über die schmerzliche Unvollkommenheit dieser Welt

…und als Folge davon das innere Geschehen: Die Notwendigkeit der Geburt Johannes des Täufers

Das Thema

Johannes der Täufer ist eine starke Figur in der Christlichen Tradition. Er bleibt aber fern von unseren unmittelbaren Erfahrungen, nicht nur als historische Gestalt aber auch als Personifizierung für etwas, was in uns den Weg für die Geburt des Göttlichen vorbereitet. „Was hat er mit mir zu tun?“ Die Frage ist berechtigt.

Obwohl ich persönlich schon seit langen Jahren über seine Rolle als innerer Zeuge gewusst und damit gelebt habe, schwebte er für mein Verständnis für seine Funktion wie in einem luftleeren Raum. Ich konnte ihn nicht mit anderen Begriffen die auf meinem Weg geläufig waren, verbinden. Erst als ich meine starken, schmerzlichen Erinnerungen von Weihnachten aus meiner Kindheit bearbeitet habe, ist mir klar geworden, wo ich ihn in mir einordnen soll. Ich habe ihn in mir verifizieren können, indem ich im reifen Alter die Erinnerungen an den Weihnachten meiner Kindheit beschrieben habe. Die damaligen Zustände sind lebendig geworden und wozu ich damals als kleines Kind keine Begriffe zur Verfügung hatte, formulierten sich im Erkennen des damals erlebten.

In unserer westlichen Kultur haben wir unsere liebe Mühe mit dem, was wir „Ich“ nennen. Es entsteht viel Verwirrung durch die unterschiedlichsten Auffassungen darüber. Die verschiedenen spirituellen und religiösen Strömungen werten es auf oder umgekehrt, werten es ab bis zum Verneinen seiner Existenz. Wir verlieren uns in unfruchtbaren Diskussionen und nehmen nicht wahr, dass wir von unterschiedlichen Dimensionen des Ichs sprechen.

Auf der anderen Seite findet man unter den Christen kaum jemanden, der die individuelle, innere Bedeutung von Johannes des Täufers versteht. Des Zeugen, der „der Grösste ist, der von einer Frau geboren wurde“, aber „der Kleinste im Himmel“ ist. (Matthäus 11, 11)

In der Gestalt von Johannes des Täufers ist unser „kleines Ich“ personifiziert, durch seine Geschichte ist der Weg unseres kleinen Ich beschrieben in seiner entwickelten Funktion, mit seinem Wert und seinen Grenzen. Und was wir Menschen grundsätzlich alle erleben in dem Prozess der Inkarnation, dieses kleine „Ich“ wird sich in uns bilden, damit es zum Wegvorbereiter für das Licht der Welt heranwächst. Der Wurzel dieser Erfahrung ruht in der Idee des Menschen in Ewigkeit, jenseits der Zeit und geschieht deshalb im Prozess der Menschwerdung im ewigen Jetzt.

Im Schosse des Kollektiven eingehüllt

Wachsende Spannung vor Weihnachten. Warten auf das Wunder, das die Enge des grauen Alltags durchbricht, des Alltags, dem der Glanz des Lebendigen fehlt. Wie dieses Wunder sein soll? Das Kind spürt es nur. Es hat nicht einmal eine Ahnung, dass es in dieser Welt «Wunder» heisst, wonach es sich sehnt. Es weiss nicht, dass hier, auf dem Planeten, das, was es sich von Weihnachten erhofft, gar nicht zu finden ist. Es weiss auch nicht, dass die Ursache dieser Sehnsucht bereits eine Erinnerung an die Erinnerung ist. Es weiss nicht, dass dies die Sehnsucht nach seinem Ursprung, woher es kam, ist. Es ist die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies, jenseits der Zeit, (und nicht, wie es psychologisch gedeutet wird, nach dem engen Raum im Mutterleib). Die Wurzeln dieser Sehnsucht sind jenseits der zwei Zellen, die ihm am Anfang der Zeit einen Weg in der Zeit ermöglichten und gleichzeitig den Weg zurück ins Paradies versperrten. Mit der Verschmelzung der zwei Zellen wurde es bereits in dem schmerzlichen Prozess der Inkarnation festgehalten. An alle diese Zusammenhänge erinnert sich das Kind nicht, es spürt einzig und allein die Sehnsucht, die durch das Wunder «Weihnachten» Erfüllung verspricht…

Das Erwachen in dieser Welt

Das Kind ist noch nicht ganz in dieser Welt angekommen, doch gerade die Enttäuschungen bringen es mit dem Boden diesseitiger Wirklichkeit in Berührung: Enttäuschungen, die mit den Augen von Erwachsenen, von aussen her gesehen oder vom Verstand her interpretiert, so unbedeutend erscheinen. In seiner eigenen Sprache ausgedrückt war nichts «wie wirklich» und so lernte es schmerzlich anzunehmen, dass das Wirkliche unerreichbar sei. Diese Erfahrung wird immer wieder bestätigt. Die Sehnsucht nach dem „Wirklichen“ aber bleibt, und deshalb wird es ein Leben lang alle Bemühungen auf sich nehmen, um «das Wirkliche» zu finden. Es sehnt sich danach, weil in ihm das Wissen nicht verschüttet wird, das Wissen, dass nur im Wirklichen LEBEN gibt...

Dann ist es endlich soweit, es muss kein einziges Mal mehr schlafen: Heute würde der Engel den Christbaum bringen, wie jedes Jahr, wenn es Weihnachten wird. Wieder würde der Tannenbaum bis an die Decke reichen. Vom Boden bis zur Decke waren es für das Kind selbstverständlich dreieinhalb Meter, und es weiss nicht, dass nicht alle Kinder in so hohen Räumen lebten. Alles ist anders an dem Tag, anders als sonst. Es darf nicht aus dem Zimmer – in dem es mit Eltern und noch zwei Geschwistern schläft, darf nicht in das «Esszimmer», das keine Fenster hat. «Das Zimmer muss vorbereitet werden,» heisst es. Es ist ein Kommen und Gehen. Vater ist auch zu Hause – erst nachdem die Russen 1945 einmarschiert sind, wird er auch an Weihnachten arbeiten müssen.

Wenn jemand in das Zimmer kommt, wo das Kind spielt – hat es überhaupt je gespielt? - kommt eine Wolke von Tannenduft mit. Es ist dann aufgeregt, will hinaus, weil seine Nase schon weiss, was seine Augen noch nicht sehen. Es heisst aber: «Du irrst dich, der Christbaum ist noch nicht da.» Und es glaubt den Worten der Mutter – eher, als seiner eigenen Wahrnehmung. Später am Tag leuchtet es auch noch bunt auf, das sieht es durch das Milchglas der Türe. Das muss doch die bunte elektrische Beleuchtung des Christbaumes sein! Aber sie sagen wieder, dass es sich irrt. In dem Kind entsteht eine unerträgliche Spannung, die es aufzulösen nicht fähig ist. Den Kern des Konfliktes bildet einerseits die Sehnsucht nach Etwas, was nicht aus dieser bekannten grauen Welt kommt, andererseits eine klare Sinneswahrnehmung, die beweist, dass es hier um sehr gewöhnliche Vorgänge geht. Die Sehnsucht des Herzens nach Wunder ist stärker als die Klarheit der Wahrnehmung. Der Glauben an die Behauptung der Mutter ist unerschütterlich grösser als das Vertrauen in den eigenen Verstand. Das Kind traut sich selbst nicht - es war doch ein Mädchen.

Endlich ist das Warten vorbei, die Abenddämmerung breitet sich aus. Vater kommt, wickelt das Mädchen bis über den Kopf in eine Wolldecke, weil es zu den Grosseltern gebracht werden sollte, und der Weg dahin führt durch den Hof. «Draussen ist es sehr kalt», heisst es. Etwas huscht durch den Schirm des Bewusstseins des Mädchens; diese Kälte konnte irgendwie nicht stimmen (es weiss noch nicht, dass es ein Gedanke war), weil am Nachmittag noch ein lauwarmer Wind durch das grosse Fenster wehte als es zum Lüften aufgemacht wurde. Dieser Zusammenhang ist aber so flüchtig, dass er schon vorbei ist, bevor es ihn richtig hätte anschauen können. Die dünne, leichte Wolldecke riecht vertraut gut, gibt Sicherheit, und der erneute Widerspruch vermischt sich mit den anderen irgendwo in einem Bereich, wo er nicht mehr angeschaut werden muss. Das unentwirrbare Knäuel der Unvereinbarkeit von unterschiedlichen Wahrnehmungen wächst.

Vater geht mit dem kleinen Mädchen durch das Zimmer, wo später der Christbaum in einem einzigen kurzen Augenblick durch den Engel aufgestellt werden sollte. Es wird in die andere Wohnung des Hauses gebracht, wo die Grosseltern leben. Der Duft der Tanne durchdringt die durchlässige Decke. Die Verwirrung im Kopf des Kleinen wächst: Wem soll es glauben, den Eltern, die seinen tiefen Wunsch nähren oder der eigenen Wahrnehmung? Ein unlösbarer Konflikt für ein drei- bis fünfjähriges Köpfchen! Es wird die Arbeit eines Lebens brauchen, dieses Knäuel zu entwirren und all die Fäden an der passenden Stelle einzuweben. Es wird mit der Zeit auch lernen, die Fäden, die in der Gegenwart keine Verwendung haben, als Fragen säuberlich auf die Seite zu tun und aufzubewahren. Irgendwann werden sie wie selbstverständlich ihren Platz im Gewebe des Verstehens finden.

Grossmutter ist in der Küche. Sie ist mit dem Festessen beschäftigt. Es duftet nach Fisch in Paprikasauce auf ungarische Art. Dieser Duft ist Bestandteil des Weihnachtsabends. Der Fisch muss sehr frisch sein: Er wurde einige Tage zuvor lebend vom Markt geholt, und bis zum Nachmittag des 24. Dezembers konnte er in der Badewanne schwimmend bewundert werden. Das war der erste Eindruck vom «Fisch», lange der Inbegriff vom Fisch überhaupt. Grossmutter ist eine gute Köchin. Es kommen immer herrliche Düfte aus ihrer Küche, deren Türe meistens offensteht. Bei dem kleinen Mädchen zu Hause duftet es nie so gut.

Nach einer Weile kündigt eine kleine Glocke mit hellem Klang an: Alle dürfen kommen, der Engel hat den Christbaum und die Geschenke gebracht. Die Kinder rennen zurück in die Wohnung und der Christbaum ist tatsächlich da. Damit gibt es einen weiteren Konflikt für den kleinen aber klaren Kopf: Wie ging das alles vor sich? Wie konnte ein Engel so einen riesigen Baum im Nu und noch dazu geschmückt, in die Wohnung zaubern? Geschweige denn all das, was unter dem Christbaum steht, noch dazu? So, wie das Mädchen das Leben bis dahin kennen gelernt hatte, war das jenseits des Vorstellbaren. Die Weihnachtsszene, ein aus Karton aufgeklapptes Bild, ist auch immer dabei. Es wird einfach Krippe genannt, obwohl alle Figuren in einem Stall versammelt sind. Das Mädchen wünschte sich so sehr «richtige», dreidimensionale Figuren!

Verstand contra Wunderglauben. Wahrnehmung contra Aussage. Es bleibt aber keine Zeit nachzudenken. Es würde sowieso nicht viel Sinn machen, weil das Instrument der Unterscheidung sich noch nicht gebildet hatte. Es ist auch niemand da, mit dem das kleine Mädchen über das, was es so verwirrt, sprechen könnte. So muss es für sich allein klären, worum es geht, und die logische Folgerung heisst: «Ich bin klein, ich verstehe es nicht, aber ich muss danach suchen, so dass alles wieder verständlich und harmonisch zusammenpasst.» Das Mädchen ist ganz sicher, ohne die kleinste Spur einer anderen Möglichkeit, dass alles harmonisch und verständlich miteinander zusammenhängt. Und es fällt ihm nicht ein, jemanden zu fragen. Es lebt noch in der Erinnerung vom Paradies – würde man sagen. Heute würde ich es aber so ausdrücken: Es lebte in der Erinnerung der Liebe, in der Erinnerung der Einheit, als es noch keine Trennung und dadurch auch keinen Widerspruch gab. Die Erfahrungen zeigen aber: Es fällt alles auseinander, es zerbricht etwas, und es kann die einzelnen Teile nicht wieder miteinander verbinden. Es wird ein Leben lang nach dieser vereinenden Kraft suchen. Es wird lange nicht wissen, dass es Liebe heisst, wonach es sucht.

Damals ging es zunächst noch um das Herausfallen aus dem Paradies, um das Erwachen in dieser Welt, an einem Ort, wo alles «nicht so ist, wie wirklich», wie das kleine Mädchen es für sich immer wieder feststellte.

Der Glanz des Christbaumes ist bei näherem Betrachten auch nicht «wie wirklich». Es fehlt die Vollkommenheit des Wunders. Die Art, wie der Tannenbaum geschmückt ist, löst das gleiche unerträgliche Gefühl aus wie im Sommer die immer wieder hinunterrutschenden Socken, die unordentlich und hässlich aussehen, und die das Mädchen trotzdem an den Beinen ertragen muss. Immer die unerträgliche Spannung zwischen dem, wie es sein sollte und dem, wie es gegeben ist.

Dann spürt es deutlich die Erwartung der Erwachsenen, dass es dankbar sein sollte. Davon kann es aber keine Spur in sich entdecken. Und es sollte das schön finden, was nicht schön ist. Das alles spielt sich in ihm ab, stumm, ohne Geräusch. Zwischen «sollte» und «ist» entstehen noch weitere Konflikte. Es sollte glücklich sein – es spürt die Erwartung der Eltern als einen Druck – aber es ist enttäuscht. Dem Christbaum fehlt der überirdische Glanz, das ist bereits Enttäuschung. Und es fühlt sich nicht, wie es sich fühlen sollte, das ist einfach unerträglich. Damit nicht noch mehr Spannung entsteht, sollen wenigstens die Eltern nicht enttäuscht werden. Und so spielt es Freude vor. Es hat schnell gelernt, sich freudig, ruhig und vernünftig zu zeigen. Später wird sie im Leben vieles vorspielen, um wenigstens anderen keine Enttäuschung zu verursachen. Einfach damit nicht noch grössere Konflikte entstehen sollen. Die Psychologen würden sagen: Es ist übermässig angepasst. Es wird einen langen Weg gehen müssen, um zu begreifen, dass es nicht über die Macht verfügte, die Erwartungen anderer zu erfüllen oder ihnen Enttäuschungen abzunehmen. Die Konflikte brechen früher oder später doch aus. Das ist vielleicht die grösste Enttäuschung in seinem Leben...

Dann gibt es aber doch ein Ereignis, das mit der Zeit zu einem harmonischen Abschluss führen sollte. An einem dieser früheren Weihnachten hat die Mutter die Idee, mit einem Leintuch den Flügelschlag des Engels hinter dem Milchglas der Türe zu imitieren. Auf das kleine Mädchen wirkt das theatralisch. Die Berührung im Herzen – als Zeichen des «Wirklichen» - fehlt wieder. Aber wieder ist es sich seiner Sache nicht so ganz sicher und so spielt es mit. Auch als erwachsene Frau, bis zum Tode der Mutter, wird sie nichts zu dieser Angelegenheit sagen. Noch kurz bevor die Mutter im hohen Alter stirbt, hat sie sich von Herzen gefreut, wie es ihr gelungen war, das Wunder für das Kinderherz heraufzubeschwören. Eine Lüge?

Wir leben öfter in viel grösseren Lebenslügen, wenn wir glauben, ehrlich zu sein. Und es ist gut, der Mutter die kleine Illusion, eine Freude bereitet zu haben, nicht wegzunehmen...

Aber zurück zum Christbaum. Weihnachtslieder werden gesungen, jedes Jahr immer wieder die gleichen. Der Vater begleitet sie auf dem grossen, schwarzen Flügel, der auch noch im überfüllten Schlafzimmer steht. Zwischen dem Flügel und den Betten kann man sich nur knapp hindurchdrücken. Die Geschenke, die unter dem Baum liegen, ziehen aber viel mehr Aufmerksamkeit auf sich als das Singen. Wiederum mit gemischten Gefühlen, versteht sich.

Erste Erinnerungen als Ich

Schon sehe ich die Puppe aus Porzellan, wofür mich Mutter schon seit Wochen immer wieder begeistern wollte: «Sie hat richtige Haare, kann Arme und Beine bewegen, die Augen auf und zumachen.» Meine Erwartungen waren hochgeschraubt. Was ich dann sehe, ist ein hübsches Köpfchen mit wirren Haaren. Als ob ich nicht schon genügend Schwierigkeiten mit meinen eigenen Haaren gehabt hätte, die nicht schön ordentlich gerade sind! Die Beine und Arme der Puppe – die sind einfach hässlich; viel zu lang und durch die eingesetzten Kugeln als Gelenke wurden die natürlichen Formen zerbrochen. Da ist die viel kleinere Puppe aus Kautschuk, die Vater aus Deutschland mitgebracht hatte, viel schöner. Auch wenn sie keine Haare hat, keine beweglichen Gelenke, sie sieht wenigstens «wie richtig» aus. Immer, wenn Mutter meint, ich sei brav, darf ich diese Puppe für ein bis zwei Stunden haben, dann verschwindet sie aber wieder im Schrank in einer Höhe, wo ich nicht hinreichen kann. Die neue Puppe ist von Anfang an eine riesige Enttäuschung. Ich mache zu. Die Beteuerungen der Erwachsenen, wie einzigartig schön die Puppe sei, verwirren mich, weil ich wieder eine andere Empfindung habe als das, was mir mit viel Mühe eingeredet wird. Ich suche verzweifelt danach, was mir entgeht, was ich nicht sehe, weil ich doch an dem, was die Erwachsenen sagen, nicht zweifeln kann.

Aber Liebe kann nicht durch Lüge, durch das Vormachen von etwas, was nicht wahr ist, entstehen. Auch nicht im Kinderherz. Man kann sich Liebe nicht einreden. Mit den besten Absichten und Motivationen nicht.

Die Enttäuschung mit der Puppe gesellt sich zu weiteren früheren Enttäuschungen. Da war zum Beispiel der kleine Puppenkochherd zu Weihnachten im Vorjahr. Von weitem sah er noch «wie richtig» aus. Es gab auch einen kleinen Kochtopf dazu. Aber ich konnte im Herd kein Feuer machen, folglich auch nicht richtig kochen. Mutter gab mir Rosinen und zeigte mir, wie man damit spielen könnte. Aber ich wollte nicht spielen, sondern richtig kochen. Ich fühlte mich unverstanden, nicht ernst genommen und der kleine Herd stand sehr schnell unbeachtet einfach in der Ecke. Mutter interpretierte das auf ihre Weise.

Das Puppenbesteck landete aus einem anderen Grund abseits meiner Aufmerksamkeit. Von den zwei kleinen Gabeln, die dazugehörten, und die «wie richtig» aussahen, fehlte bei einer eine Zinke. Damit war das Ganze unbrauchbar. Alles, was unvollkommen war, hatte keinen Wert mehr.

Das dicke Heft zum Ausmalen gefällt mir. Das fordert mich zum Gestalten auf, so, wie ich es will; die Figuren von Schneewittchen und den sieben Zwergen, wie im Walt-Disney-Film, schön farbig machen. Besonders die Zwerge habe ich gern. Die Bilder sind schön; klar sind sie, und ich kann mir vorstellen, wie sie farbig werden würden, wenn ich sie ausmalte. Ich will Bild für Bild, Seite für Seite alles richtig schön ausmalen. Von Anfang bis Ende, ohne Fehler, sorgfältig, vollkommen. Ich sehe das Heft fertig, farbig, ohne Makel. Ich spüre die Kraft und die Freude der angenommenen Herausforderung. Aber wieder kommt es anders, als ich es mir vorstelle. Etwa auf der dritten oder vierten Seite ist ein Baum. Der sollte grün werden, mit braunem Stamm natürlich. Ich bin konzentriert darin vertieft, den Baum schön gleichmässig, innerhalb der Linien zu bemalen, als sich Mutter zu mir setzt. Sie ist Künstlerin, auch wenn sie ihre künstlerische Ausbildung abgebrochen hatte. Sie sagt mir, dass ein Baum nie ganz grün aussieht, sondern gelb und blau, und alle anderen Farben hätte. Und schon nimmt sie mir die Pinsel aus der Hand, und der Baum wird bunt und ohne Rücksicht auf die begrenzenden Linien unordentlich, chaotisch – für mich. Mein Baum ist zerstört. Damit wurde das ganze schöne Heft unbrauchbar. Es macht keinen Sinn mehr weiterzumachen; das Mal Heft kann nie mehr vollkommen werden. Ich werde das Heft nie mehr in die Hand nehmen.

«Sie hat keine Ausdauer. Sie verliert schnell das Interesse an allem!»... Wenn es doch keinen Sinn mehr macht! Und es ist niemand da, der mich wirklich sieht. So, wie ich «richtig» bin. Nach aussen umfängt mich Etwas, das nicht «wie richtig» ist. Ich weiss: Niemand sieht mich, wie ich wirklich bin. Dieses Wissen hat etwas Beruhigendes, es gibt mir das Gefühl der Geborgenheit.

Es muss ebenfalls in der Weihnachtszeit gewesen sein, als mein Onkel – der damals Student war und sonst keine Zeit für mich hatte – mich auf den Schoss nimmt und verkündet, er wird mir zeigen, wie man einen Menschen zeichnet. Wieder eine freudige Erwartung. Ich habe mir das so schwer vorgestellt, einen Menschen zeichnen zu können. Jetzt aber wird er es mir zeigen, und dann würde sich herausstellen, dass es gar nicht so schwer ist, und ich würde es können... Er zeichnet mir ein Strichmännchen, wie man es ebenso für Kinder tut. Es ist nicht nur die Enttäuschung, sondern vielmehr ein Unwohlsein, was mich innerlich zusammenschnürt. Heute kann ich es benennen: es ist Scham. Das Ganze ist beschämend. Etwas ist in mir tief verletzt: Die Würde des Menschen. Ich schäme mich für das ganze Geschehen, nicht für mich oder für ihn, sondern ohne Trennung für das, was sich abspielt. Die Frage, ob er mich für so dumm hält oder ob er selbst nicht sieht, was er macht, taucht gar nicht erst auf. Die Schuld ist noch nicht geboren. Unerträglich ist es, Teil der Unvollkommenheit zu sein.

Die Bildung des Egos

All das geschah, bevor das kleine, imaginäre Ich sich ganz aus der Einheit herausgerissen hatte. Ein Ansatz dazu hatte sich bereits gebildet, aber die Trennung war noch nicht vollzogen. Das Ich und die Welt waren noch nicht entflochten. Das Bewusstsein muss sich aber bei jedem menschlichen Wesen abgrenzen von dem, was an Unerträglichem geschieht. Das ist beim Kind immer der Auslöser zum ersten «ich nicht!» Eine Notwendigkeit durch das Leiden, sich von den Geburtswehen der werdenden Welt abzusondern.

Der Kern von diesem kleinen Ich – den wir auch als Kern vom Ego bezeichnen können – ist das Nein. Dieses kleine Ich ist der Vorläufer eines wirklichen Ichs: Es muss «den Weg vorbereiten» für die Geburt von Existenz. Diese Abtrennung bedeutet, dass wir nicht mit allem, was uns geschieht, einverstanden sind. Wir Menschen können widerstehen. Später wird aber das grundsätzliche «Nein-Sagen» so selbstverständlich und so zugedeckt, dass wir das wahre Wesen unseres Egos nicht erkennen. Wir müssen uns dann von all den Verkleidungen und Erscheinungsformen des Lebens – in die Wüste – zurückziehen, damit wir den nein-sagenden Kern unseres imaginären Ichs erkennen.

Mir wurde als Kind keine sichtbare Gewalt angetan. Die Unerträglichkeit gehört aber zu dieser Welt, es kann keinem menschlichen Wesen erspart bleiben, wie sehr sich die Eltern auch darum bemühen. Dort, wo offensichtliches Vergehen gegen das Kind geschieht, können wir psychologisch erklären, wo all die Verletzungen der Seele entstanden sind. Jenseits davon aber gilt das grundsätzliche, umfassendere Gesetz: das Heruntersteigen in die Inkarnation bedeutet das Erleben von Trennung, Schmerz und Einsamkeit. Die konkreten Ereignisse sind dabei Auslöser, sie helfen uns zunächst einmal, in dieser Welt zu erwachen, als nötige Vorbereitung für die Geburt von Existenz, dem Jesus unseres Wesens, das «mit dem Vater eins ist».

Teil der Unvollkommenheit zu sein tut mir immer noch weh. Auch heute noch, mit 75 Jahren. Aber dieser Schmerz bringt mich nicht mehr um und zwingt mich nicht mehr, zu zumachen. Er hat keine Macht mehr darüber, dass ich nach Schuldigen suchen müsste, weder in der Welt ausserhalb von mir, noch in mir.

Schuld ist ein Mysterium, das dem Menschen in seiner Unschuld aufgeladen wird. Unsere Seele wird, wie die unschuldige Prinzessin in den Märchen, von dem bösen Drachen gefangen gehalten, bis jemand kommt und sie befreit. Diese Gefangenschaft wird im Märchen auch nie begründet. Die Frage «Warum?» taucht gar nicht auf.

«Am Anfang bricht das Böse dort durch, wo eine Ritze in der Mauer ist. Später kann der Böse einen nur angreifen, wo noch Mauerreste sind.» Sich abgrenzen macht keinen Sinn mehr – es würde bedeuten, sich wieder in die Trennung zurückzuziehen. Die Trennung in dem kleinen Kind geschieht, weil es das Leben nicht ertragen würde. Die Verletzbarkeit ist aber Bestandteil der wiedergewonnenen Verbindung in der Einheit. Ohne Schuldzuweisung, ohne Trennung zwischen den anderen und mir. In der diesseitigen Welt kann nur eine sensible Membrane um die Seele herum den Austausch sichern - die Verletzbarkeit gehört dazu. Diese Lebendigkeit möchte ich nicht hingeben; sie nährt sich aus der Freiheit, in der Verbundenheit allen Lebens. Die Schmerzen sind die Geburtswehen einer im Werden begriffenen Welt. Ich nehme daran teil, ich bin nicht mehr das kleine, schwache Kind. Das ist Freiheit. Ich werde im Fluss der Zeit mitgenommen und kann die Nahrung, die meine Seele braucht, aus dem Überfluss der Eindrücke – vom lebendigen Leben ausgelöst - holen. Es ist eine kräftige Nahrung, es braucht einen gut entwickelten Verdauungsapparat. Ob die Nahrung süss oder bitter ist, spielt schlussendlich keine Rolle mehr. Ich bin erwachsen geworden. Und doch bleibt natürlich ein Teil in mir, der immer noch manches «gern hat» und manches «nicht mag».

Ich trage das Kind von damals

In ein paar Tagen beginnt die Adventszeit. Die Sonnenstrahlen des Morgens können das Zimmer tief durchströmen. Die letzten Rosen von «Queen Elizabeth» stehen in der Vase im Sonnenschein «wie richtig». Der Efeu und die zwei Farnwedel, die ich zu den bereits blattlosen Rosen gesteckt habe, bilden ein harmonisches Bild in der lichtdurchfluteten roten Kristallvase. Der Ort, wo das Gesteck steht, ist auch gut gewählt. Perfekt? Nein. Eine kleine Ecke der Vase ist ausgebrochen. Früher wäre ich daran hängen geblieben: «Typisch, kein makelloses Stück von Mutter!» Aber diese Kleinigkeit stört mich heute nicht mehr. Das Wissen um die Unvollkommenheit dieser Welt gehört dazu, ohne sie würde in der Vollkommenheit Gottes etwas fehlen.

Wenn ich an das Kind von damals mit meinem ganzen Sein erinnere, dann weiß ich, dass es getragen wurde. Das, was ich heute bin hat ihm die Geborgenheit gegeben, das es in seiner Einsamkeit gebraucht hat. Nein, es ist nicht logisch, es gibt darin keinen kausalen Zusammenhang. Das Kind und die reife Frau sind aber jenseits der Zeit unzertrennbare Teile der Einheit, auch wenn sie im Prozess der Zeit auseinandergerissen sind.

So weiss ich jetzt mehr über das Kind, als es damals wissen konnte: Das Wunder, worauf das kleine Mädchen wartete, war Harmonie. Ohne die Spannung der Gereiztheit in der Luft, Schönheit in dem Ablauf eines Abends, eine Stimmung der Geborgenheit, an der alle ihren eigenen Teil-nehmen. Und vor allem: Weihnachten, das den Druck des ständigen Schuldgefühls, dass „ich nicht wie richtig bin», wegzaubert. Freude, ungetrübte Freude – einfach so. Das wäre Weihnachten gewesen - das ist Weihnachten heute.

Was das Kind noch nicht gewusst hat, war, dass Harmonie jeden Augenblick aus der Seele neu erschaffen werden kann und muss. Das Wissen, dass die Welt jeden Augenblick neu erschaffen wird, hat es unterwegs in die immer enger werdende Welt der Inkarnation vergessen. Ja, woher hätte das kleine Mädchen dies auch wissen können? Die Voraussetzungen für die Erinnerung hatte es noch nicht entwickelt. Die Erkenntnisse dazu und die Stärke, das Erkannte auch verwirklichen zu können, müssen wir uns auf einem langen, mühsamen Weg, von Nazareth in Galiläa nach Bethlehem erarbeiten.

Den Weg können wir aber erst gehen, nachdem er durch Johannes den Täufer vorbereitet worden ist. Das kleine Ich muss seine Fähigkeit zuerst soweit entwickeln, dass es zum Zeuge werden kann. Johannes der Täufer unserer Existenz braucht Zeit, lange Zeit, um erwachsen zu werden, um in seine Funktion hineinzuwachsen, wofür er zur Welt gekommen ist. Das Bilden des Egos ist eine notwendige Entwicklungsphase, ist die Vorbereitung zu Geburt von Existenz in uns.

Das Kind muss zuerst die Trennung vollziehen, sich aus der Einheit durch das Nein abgrenzen. Alles, was fest wird, grenzt sich ab, wird zum Widerstand. Das ist Galiläa*. Das Göttliche kann nur dort empfangen, aber nicht geboren werden. Es kann nur geboren werden, wenn wir zur Lösung – dem Flüssigen, dem Fliessenden – finden. Wenn wir die Mauern, die zur Trennung führten, wieder abbauen. Wenn wir zulassen, dass die Abgrenzungen abgebrochen werden. Wenn wir in unserem Herzen vom Nein-Sager zum Ja-Sager werden.

Die Identität von Existenz, vom göttlichen Kind besteht im Ja-Sagen. Es wird aber erst dann geboren werden, wenn die nein-sagende Identität das Herz nicht mehr besetzt. Denn das Wesen des neuen Ichs ist eins mit dem Vater, seine Identität besteht nicht mehr aus der Trennung. Aus diesem Zusammenhang kann Es sagen: «Dein Wille geschehe» - ohne Lüge, bedingungslos, ohne Trennung.

Wir alle beginnen den inneren Weg in Nazareth, in den festgewordenen, aus dem Nein-Sagen heraus aufgebauten Strukturen des Lebens, im Lande der Formwerdung, in Galiläa. Aber wir stammen aus Bethlehem, aus dem Hause des Brotes. Ausnahmslos alle. Machen wir uns also auf den Weg, um wieder nach Hause zu finden. Damit der Glanz von Weihnachten in uns aufleuchten kann.

*Mehr über die Bedeutung der Namen in der Schrift: Agnes Hidveghy, Geburtsgeschichte aus dem Evangelium nach Lukas

Empfehlenswert: „Der spirituelle Hunger des Kindes“ Chalice Verlag

Author; Agnes Hidveghy Kategorie: Kosmologie

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