09
Mai
1991

Transformation durch Heilung

„Oder Du hast salziges Wasser in einem Landgut gefunden, wo Euer Vater gestorben war und Du aufgewachsen bist; dann wurdest Du zu einem anderen Landgut geführt mit süssem Wasser, heilsamen Kräutern und gesunden Menschen. Du wolltest nicht ausziehen und das süsse Wasser trinken, das Dich von allen Krankheiten und Leiden heilen könnte, sondern sagst: "Ich habe dieses Stück Land mit Salzwasser, das Krankheiten verursacht so gefunden, und wir halten an dem fest, was wir gefunden haben." Gott be¬wahre! Kein intelligenter Mensch mit gesunden Sinnen tut und sagt so etwas! Gott hat Dir Verstand gegeben, ver¬schieden vom Verstand Deines Vaters, einen Blick, ver¬schieden vom Blick Deines Vaters, und ein selbständiges Unterscheidungsvermögen.“

Rumi: Fihi ma Fihi - Dreissig ( S. 214 )

Die Frage

Am Ostersonntag wurde ich gefragt: "Wie lange bist du eigentlich krank gewesen?"
Innerhalb von einem Bruchteil einer Sekunde blendete ich zurück: Ja, es hat Ende November im letzten Jahr angefangen - nein, die Symptome hatte ich eigentlich seit zehn Jahren - aber meine psychische Veranlagung, die den Gallenstein produzierte, war schon lange vorgegeben - und seit meinem zehnten Lebensjahr die heimtückische, unerkannte Krankheit, die meine Jugendjahre entscheidend beeinflusst hatte - die wiederum konnte mich nur befallen, weil ich 'nicht in Ordnung' war."
Und die Antwort schoss aus mir heraus: „Ein Leben lang!“ Lange habe ich es nicht gewusst, aber etwas in mir hat es wissen müssen. Wieso hätte ich sonst die ganze Zeit nach Heilung gesucht?

Der Alte und der Neue

Jetzt soll ich den ganzen Heilungsweg in fünf Tagen so beschreiben, dass dadurch meine Erfahrungen übermittelt werden.
'Unmöglich", sagt der alte entmachtete Machende in mir. „Es wird dir gegeben“, vertraut der Seiende, der um die Notwendigkeit und Möglichkeit weiss.
Der Machende versucht die Situation in den Griff zu bekommen, mit dem Resultat, dass der letzte Rest von meiner Denkfähigkeit verschwindet Der Wissende sieht die Situation und führt mich in den Garten. „Trägheit! Faulheit! Du schaffst es nicht!“ faucht der Entmachtete.
„Sei ruhig. Bleibe leer und wach. Atme. Es wird werden.“ Der Wissende weiss, dass die Antwort schon lange vorbereitet im Garten liegt und darauf wartet, erkannt zu werden.

Eine Sufi-Geschichte

Hier, auf ca. 1200 m Höhe ist der Schnee gerade verschwunden. Die Wiesen sind nicht vom Schnee weiss, sondern von den unzähligen wilden Krokussen. Und mitten in meinem kleinen Blumengarten liegt eine etwa 12 m lange Tanne, alles unter ihren Ästen erdrückend. Der alte Bauer hatte sie etwas ungeschickt gefällt, unmittelbar bevor der erste Schnee kam. Jetzt hat der Bauer Schmerzen in den Schultern - und die nächste Hilfe, die sich auftreiben liess, wird erst in zwei bis drei Wochen zur Verfügung stehen! In den Bergen treibt alles sehr schnell, wenn einmal die warme Sonne die aufgetaute Erde erreichen kann. Die neuen Triebe würden ersticken unter dem Dickicht der Zweige. Ich versuche die Tanne wegzuziehen. Keine Chance. Im Haus finde ich eine viel zu kleine Axt - aber ich möchte wenigstens die dünnen Äste abhacken. Ich mute mir 'harte Männerarbeit" einen Monat nach der Operation nicht zu, und es wäre sowieso mit einer Motorsäge viel einfacher!
Die Axt ist gut geschliffen, und in meinem Körper sitzt noch die Erinnerung vom Holzspalten, obwohl sie vor 40 Jahren eingelagert wurde. Die dünnen Äste lassen sich mit Leichtigkeit wie Butter schneiden! Und die Dicken? Ich muss mit mehr Kraft draufloshauen!---- NEIN! Halt Wie war es doch vorher, als es so leicht, mit Schwung und Freude ging? Die Axt über den Kopf heben - auf die Stelle, wo der Zweig aus dem Stamm gewachsen ist, konzentrieren - mit dem Ausatmen die Axt sausen lassen!
Innerhalb einer Stunde sind alle Äste sauber abgetrennt, zu einem Haufen getürmt (der fast so hoch ist wie ich!), der Stamm vom Blumenbeet weggerollt. Keine Spur von Müdigkeit, keine Rückenschmerzen - dafür Freude und Dankbarkeit für das sichtbar gewordene Muster.

"Die Zeit spielt keine Rolle"

Bei einer Tasse Tee, und später während des Schreibens öffnet sich das Bild weiter und ich erkenne in der Geschichte von dem kleinen Garten staunend meine eigene, innere Geschichte.
Ja, der Winter war lang: zehn Jahre in der Zeit der Erde gemessen. Der Spätherbst vorher war die herrlichste Zeit des Jahres: voll Sonnenschein, mit klarer, weiter Sicht. Wie wenn die Gesetzmässigkeit der Jahreszeiten durchbrochen worden wäre, und wie wenn kein Winter bevorstünde. Dann wurde die Tanne - die frei am Strassenrand gewachsen war und der Morgensonne immer mehr im Wege stand - innerhalb einiger Minuten durch die Motorsäge durchgetrennt und fiel. Es war, als ob der erste Schnee durch das Umlegen der Tanne ausgelöst worden wäre. Seine Spitze durfte als Christbaum sich im Glanz schenken, der übrige Teil lastete auf dem Blumengarten und wurde vom Schnee bedeckt. Hin und wieder schien die Wintersonne, mochte aber den Schnee nicht mehr zu schmelzen, und meine Hoffnung, ich könnte für meinen Garten etwas tun, verschwand beim nächsten Schneefall. Immerhin versuchte ich, kleine herausragende Zweige abzubrechen - was mir nur die Illusion nährte, etwas tun zu können. Vor zweieinhalb Jahren brach ein mächtiger Nordwind mit viel Schnee ein - ja, das hatte mit Reshad und Beatenberg zu tun! - und von da an gab es nur eines: im Vertrauen wachsend auf den Frühling hoffen. Die innere Zusicherung, die ich vor zwölf Jahren am Ostersonntag erhalten hatte, konnte mehr und mehr tragen: „Wenn du dich einmal verpflichtet hast, spielt die Zeit keine Rolle mehr.“ Die Flügel, die ich vom Leben bekommen habe, waren gebrochen. Der Sinn, den ich meinem Leben gab, genügte nicht mehr. Das einzig mögliche warr weitergehen. Rechter Fuss, linker Fuss, rechter Fuss...
Ich funktionierte nicht so wie ich wollte, wie ich es mir vorgestellt hatte, dass ich sollte. Für bestimmte Aufgaben stand die Kraft in Hülle und Fülle zur Verfügung - sonst konnte ich aber nicht einmal den kleinen Finger rühren! Und lange stellte ich mir die Frage: 'Und was habe ich davon?' In dieser Totenstille gab es nur einen Punkt der Realität das Sein. Der Kopf zum Denken ist unbrauchbar, die Hände zum Handeln erlahmt. Es gibt nichts als diesen Punkt, aus dem der Atem sich entfaltet und zu dem der Atem sich zurückzieht. Ich brauchte sehr lange das zu erkennen, weil meine Vorstellungen von meinem starken Eigenwillen unterstützt wurden, und bevor Reshad in die Schweiz kam, war niemand da, der mir geholfen hätte, mit den unfruchtbar gewordenen Anstrengungen in die falsche Richtung aufzuhören. Ich fand niemanden vorher, der meine Not erkannt hätte.
Die Aussenwelt versuchte mir mit wohlwollender Unwissenheit den Stempel 'Depression' aufzuzwingen, oder mit den körperlichen Symptomen meinen Zustand zu erklären. Da half mir - um Ursache und Wirkung nicht durcheinander zu bringen - das Wissen, das von denen übermittelt wurde, die den Weg vor mir gegangen waren.
Ich erkannte, dass diese sogenannte Depression
- der Kokon ist, in dem die Raupe durch die Metamorphose geht und als Schmetterling neu geboren wird.
- die dunkle Nacht des Johannes von Kreuz ist, in der Gottes Liebe einen in Sicherheit aus dem Gefängnis entkommen lässt
- die Wüstenwanderung ist durch die der Weg aus Ägypten ins gelobte Land führt.
- „Die Wolke des Nichtwissens“ ist, wie ein christlicher Mystiker aus dem Mittelalter es nennt.
- die Nebelschwade auf einer chinesischen Tuschzeichnung ist, die in der Landschaft das 'Unten' vom `Oben' trennt.
- und jedes Jahr Winter ist, wenn das Leben zurückgezogen, unter der Erdoberfläche, sich für den neuen Frühling vorbereitet

Bis jede Zelle in mir akzeptieren konnte, dass die Zeit wirklich keine Rolle spielt, und dass ich nichts zu verlieren habe, weil ich über nichts verfüge - war die Zeit des Winters vorbei. Und die zwitschernden Vögel vor Sonnenaufgang kündigten den Frühling an.

Die Wende

Dann brach der Föhnsturm an, der den letzten Rest vom Schnee in der kürzesten Zeit zum Schmelzen brachte. Wieviel Wärme so ein von oben fallender Wind entwickeln kann! Die Erfahrung des Getragenseins, auf allen Ebenen, war neu in meinem Leben.
Es sah so aus, wie wenn dieser Föhnsturm durch eine Fehldiagnose von einem Heilpraktiker ausgelöst worden wäre. Was er aber vorgeschlagen hatte, war gerade das Nötige: eine strenge Diät, mit einer radikalen Kur. Da ich beim Föhn aufblühe, war ich eigentlich in meinem Element ich wusste, jetzt ist es 'soweit'.
Reshad sagte mir 'Nur ein bisschen sterben!'
'Dann ist alles in Ordnung!' antwortete es in mir. „Wenn ich in diesem leben etwas gelernt habe, dann ist es das Sterben. Hoffentlich wird das Alte jetzt ganz sterben, und nicht nur ein bisschen!"
So habe ich die strenge Diät und die Rosskur zweieinhalb Monate durchgehalten, obwohl ich vorher keinen Tag zu Fasten oder Diät haften fähig war!
Die Fettschichten mit alten Ablagerungen lösten sich auf (auf mindestens 7 Ebenen!) und gaben den Blick auf den Stein frei, der so schön von ihnen zugedeckt war! Eine Fettschicht von Vorstellungen musste mit Blitz und Donner von Reshad aufgerissen werden: erst dadurch ging Ich endlich zum gewöhnlichen Arzt, dem ich es verdanke, dass ich von dem Gallenstein, den ich jahrzehntelang mit mir herumschleppte, loswurde.
Um 10kg leichter (natürlich war nicht der Stein allein so schwer!) bin ich wie neugeboren. Und ich frage staunend: wieso habe ich mich nicht eher an Reshad gewendet? Ja, erst als die undurchdringliche, unsichtbare Wand der Vorstellung «ich-muss-es-allein-selber-schaffen" schmelzen konnte, wurde der Weg frei zu ihm.

Der neue Frühling

Es kann noch oft schneien. Der Frühling ist noch sehr jung. Aber der Schnee bleibt nicht mehr lange liegen. Es kann Momente geben, in denen wieder alles weiss verschneit ist, aber das Wissen um den Frühling wird durch die Öffnung nach Osten nicht mehr von der Tanne versperrt.
Wenn die Erde gut durchgearbeitet ist, und vom Frost krümelig gemacht worden ist, zum Schluss von der Sonne wieder aufgetaut wird, nimmt sie die Feuchtigkeit - in welcher Form sie auch kommt - in sich auf. Das, was im Winter als schwere Last von der Erde getragen wurde, wird als Geschenk durch Gottes Barmherzigkeit erkannt und aufgenommen und zum Wachsen des neuen Lebens weitergegeben.

Die Tanne

„Die Pyramide wird von der Spitze her autgebaut.“ (Ibn Arabi)

Es gab einen Moment, als ich die Tanne von oben sah, von der Spitze her. Sein Stamm wurde zum Punkt, und seine Äste bildeten einen vollkommenen Kreis. Jedem Ast gegenüber ist ein gleichwertiger Ast, unten sind die schwersten, gegen oben die feineren, noch biegsamen. Jeder untere Ast hat eine Entsprechung genau über sich. Der Stamm der Tanne ist von oben gewachsen. Als unsichtbare Möglichkeit senkte sich ein Strahl von oben hinunter zum keimenden Tannensamen. Und an diesem Strahl sich anlehnend, richtete sich der erste Trieb auf. Jahr für Jahr wurde ein Stück von diesem Strahl, von untenher wachsend, als Stamm sichtbar. Und Jahr für Jahr wuchsen die Äste aus dem sichtbar gewordenen Strahl. Durch diesen Stamm werden die Säfte aus der Erde heraufgezogen, die Schwerkraft überwindend. Und durch den Stamm wird die Energie, die durch die Nadeln der Äste gebunden wird, bis zu den Wurzeln, tief in die Erde geleitet So wuchs die sichtbare Tanne und wurde zum Lebensbaum - zum Baum des Lebens.

Die Frage

'Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis.
Das Unzulängliche, hier wird's Ereignis.' (Goethe, Faust)

Das Leben kann ich nicht begreifen, aber ich kann daran Teilnehmen. Durch den Teil wird das Ganze geschenkt, in einer Form, die meine Seele versteht Wenn ich mich durch den Garten des Lebens als Punkt hindurch führen lasse, kann ich erkennen, was er sichtbar werden liess. Ich kann nur das In ihm erkennen, was in mir ist

Ist das nicht paradox?
Ja, es ist alles in mir. Aber WER BIN ICH?

Author; Agnes Hidveghy Categories: Verschiedene Themen

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