02
November
2001

Der Mann, die Frau und die Liebe

„Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Männin“ (1. Mose 1, 27)

Dieser Artikel soll einige neue Impulse in die bestehende Auseinandersetzung bringen. Die Diskussion und die mit den üblichen psychologischen Ansätzen geführte therapeutische Praxis soll damit befruchtet werden. Es soll unsere Probleme mit der Erinnerung an die kosmische Bedeutung des Menschen, als Frau und als Mann verbinden helfen. Damit wir die grösste Herausforderung des Lebens, „Beziehung“ in Würde begegnen können.

Als Gott die Welt erschaffen wollte, hatte Er zuerst die Pläne dazu ausgearbeitet. Mit Seiner mächtigen Geste „Es sei“ hatte Er dann den Schöpfungsprozess in Gang gesetzt. Die Schöpfung leuchtete wie ein kosmisches Feuerwerk auf, aber im gleichen Augenblick fiel sie in sich zusammen. Der Schöpfer überlegte alles noch einmal gründlich. Er fand keinen Fehler in Seinem Konzept und so ging Er nochmals ans Werk: „Es sei“. Wieder leuchtete Sein Werk in vollem Glanz auf und wieder zerfiel es augenblicklich ins Nichts. Jetzt musste Er etwas tiefer nach dem Grund dieses Phänomens suchen. Und Er hat die Ursache gefunden.

Gott rief das Urweibliche. Das Urweibliche ist die gleichwertige Partnerin des männlichen Schöpfers. Ich werde es von da an Sie nennen. Er fragte Sie ob Sie bereit wäre Seine Schöpfung zu empfangen und durch die Zeit hindurchzutragen. Als Sie sich dazu bereit erklärte, hatte der Schöpfer mit dem „Es sei“ die Schöpfung in Ihre Hände gelegt.

Seit diesem Uranfang trägt Sie die Schöpfung des Schöpfers durch die Äonen. Sie trägt das KIND der Vollkommenheit aus und gebiert Es immer wieder, in jedem Augenblick, in einmaliger Schönheit, neu.


Schon lange kenne ich diese Geschichte aus dem Mittleren Osten. Aber jedes Mal entdecke ich etwas Neues in ihr. Sie enthält das Mysterium des Männlichen und des Weiblichen und das Wesen ihrer Beziehung zu einander. Sie erzählt von der weiblichen und männlichen Seite Gottes, das sich in der Manifestation entfaltet, von den kosmischen Dimensionen bis zu den immer wiederkehrenden konfliktreichen Banalitäten des Alltags in der Beziehung zwischen Mann und Frau. Sie sind doch die Vertreter dieser beiden Seiten der göttlichen Einheit jenseits der Zeit. Sie sind die zwei, unterschiedlichen Manifestationen des Göttlichen: Als Seine Ebenbilder sind sie beide MENSCHEN.

Jeder Mann sehnt sich im Grunde seines Herzens, von der Frau ausgetragen zu werden. Er sehnt sich danach, dass die Frau ihm hilft, seine Schöpfung in der Welt zu verwirklichen. Jeder Mann braucht die Frau, wie der Schöpfer das Urweibliche braucht. Und jeder Mann ist tief verletzt, fühlt sich hilflos, wenn die Frau ihn nicht zu tragen fähig oder bereit ist.

Jede Frau sehnt sich danach, von dem Mann erkannt zu werden. Ihr Bemühen richtet sich auf das hin, meistens unbewusst, dass sie vom Mann in ihrer weiblichen Wesenhaftigkeit gesehen wird. Wenn sie nicht erkannt wird, kehrt ihre Sehnsucht in Härte und Verweigerung um.

Damit der Mann fähig wird, die Frau zu erkennen, müsste er zuerst ausgetragen werden. Die Frau kann den Mann aber erst austragen, wenn sie erkannt ist. Es scheint eine ausweglose Situation zu sein. Der Mann ist nicht der Schöpfergott, und die Frau ist nicht das Urweibliche. Beide brauchen die ZEIT, um zu dem heranzureifen, wozu sie als Ebenbild Gottes die Möglichkeiten in sich tragen.

Die Ahnung ist in der Frau angelegt, dass im Mann die Fähigkeit des Erkennens vorhanden ist. Das Wissen ist im Mann tief verankert, dass die Frau ihn austragen und auf die Welt, in die Inkarnation, bringen könnte. Diese Ahnung und dieses Wissen führt aber zu lebensbedrohenden Dramen und Tragödien, weil die Erwartung sich einmischt. Durch die Erwartungen werden die Beziehungen vergiftet.

Es ist notwendig, dass wir unsere Bedürfnisse klar wahrnehmen und benennen können. Wir haben alle das tiefe Bedürfnis nach Beziehung, nach Liebe. Bedürfnisse sind uns gegeben, damit durch den Mangel, durch das Fehlen von etwas eine Anknüpfung möglich wird. Wenn wir keine Bedürfnisse hätten, wäre keine Verbindung nötig. Bedürfnisse sind auf allen Ebenen, allem Erschaffenen mitgegeben, damit die Liebe wirken kann. Erwartung entsteht aber durch Konditionierung und verhindert Liebe. Es ist nicht leicht die Erwartung von unseren Wünschen und Bedürfnissen abzukoppeln. Wir können eine Erwartung meistens erst erkennen, wenn sie nicht erfüllt wird. Das nennen wir dann Enttäuschung.

Wie gehen wir mit Enttäuschung um? Es ist eine Illusion, dass eine Beziehung von vornherein ohne sie funktioniert. Der Moment der Enttäuschung enthält erst die Möglichkeit, mit dem, was ist, in Kontakt zu kommen. Können wir die nutzen? Mit Enttäuschung fängt die Arbeit an, durch sie kann eine lebendige Beziehung überhaupt aufgebaut werden.

Wie könnte ohne Liebe zwischen dem Männlichen und Weiblichen Beziehung entstehen? Liebe setzt voraus, dass wir mit dem, was IST in Kontakt stehen. Alle Konzepte, Vorstellungen und Erwartungen verschleiern den Kontakt mit der Wirklichkeit.

Nehmen wir ein Beispiel. Wir sprechen vom Weiblichen und Männlichen, wie wenn wir wüssten, was sie sind. Wir sprechen über diese Grundqualitäten, wie wenn sie an und für sich existieren würden. Wir erfahren sie aber immer nur in Bezug zu einander. Ein Bild dazu:

Ein Stein wird mit dem Meissel bearbeitet. Der Meissel wirkt aktiv, formend auf den Stein. Der letztere hat eine wichtige Qualität, wodurch er sich überhaupt formen lässt: Er bietet Widerstand. Ein Meissel könnte im fliessenden Wasser noch so lange bewegt werden, würde keine Gestalt hervorbringen können. Der Stein ist zwar passiv, weiblich in Bezug zum Meissel, kann aber durch seine eigenen Strukturen dem Meissel eine ebenbürtige „Partnerin“ sein. Der Meissel kann wiederum nur so wirken, wie ihm vom Hammer diktiert wird. So hat der Meissel in Bezug zum Hammer eine weibliche Rolle. Ein Meissel ohne Qualitäten wäre für den Hammer keine Partnerin. Die Hand ist in Bezug zum Hammer bestimmend, männlich. Damit wird die weibliche Seite des Hammers in der hierarchische Ordnung der Kräfte offensichtlich. Die aktive Hand gehorcht wiederum dem Künstler, der eine Idee verwirklicht – eine Idee, die er erst empfangen musste.

Das Verstehen des Grundprinzips des Männlichen und des Weiblichen ist für die innere Orientierung, sowohl für die Frau als auch für den Mann, von grosser Wichtigkeit. Wie könnte sonst der Mann Vertreter der männlichen Seite Gottes auf Erden seinen Auftrag erfüllen? Wie könnte die Frau ihren göttlichen Auftrag erfüllen, wenn sie die Grossartigkeit des Weiblichen noch nicht erkannt hat?

Wer führt uns aber dazu, dass wir die Unterschiedlichkeit nicht bekämpfen, beneiden oder im sinnlosen Bemühen aufzuheben versuchen? Wer kann helfen, im Männlichen das Göttliche wahrzunehmen? Wer kann uns zeigen, was das Wesentliche des Weiblichen ist, die eine Seite Gottes? Wer kann uns den Weg zeigen, wie ein Mann seinen männlichen Grund findet und aus dem sich zur Ganzheit entfaltet? Wer kann uns helfen, das Weibliche in der Frau zu entdecken und darauf basierend das Männliche zu integrieren?

Die gängige Psychologie ist dazu nicht imstande. Die Religionen setzen, im besten Fall, an einem anderen Punkt der individuellen Entwicklung an. Wo finden die Männer Vorbilder, die ihren männlichen Auftrag als etwas Göttlichem bewusst sind? Wo sind die Frauen, die nicht das beweisen wollen, dass sie genauso männliche Anteile besitzen, wie die Männer, sondern die weiblichen Urwerte erkannt und verwirklicht haben?

Erst wenn wir die Seite des Göttlichen erkennen, die zuerst einmal durch unser körperliches Geschlecht offensichtlich ist, können wir mit der Integration des anderen Anteils beginnen. Da wir alle MENSCHEN sind, haben wir natürlich beide Seiten in uns. Das wissen wir aus Erfahrung. Die brennende Frage ist aber, was macht eine noch nicht integrierte „andere“ Seite mit uns? Wie sind ihre Auswirkungen? Wir brauchen dann Beispiele, wie es werden könnte, wenn in der Frau das Männliche und in dem Mann das Weibliche integriert ist.

Man sagt, Verliebtheit macht blind. Ja, wir werden in der wesenhaften Begegnung der Verliebtheit blind dafür, was unser Gegenüber zu leben, zu verwirklichen fähig ist. Gleichzeitig werden wir aber sehend für die schlummernden Möglichkeiten, die im anderen auf Verwirklichung warten. Uns fehlt die Klarheit der Unterscheidung zwischen erkannten Möglichkeiten und gelebte Verwirklichung. Leider geht mit dem Verblassen der Verliebtheit die Sicht der Möglichkeiten auch verloren. Dabei wäre diese Sicht der Ansatz für einen gemeinsamen Weg.

Der Weg beginnt mit dem Erkennen der Idee hinter unseren Alltagserfahrungen. Dabei geht es immer wieder um die gleichen Grundhaltungen, die ähnliche Probleme entstehen lassen. Seit Jahrzehnten höre ich in meiner Praxis: „Mein Mann ist....“, „Meine Frau ist....“. Wenn eine Frau erkennt: Es ist nicht mein Mann, sondern DER Mann, der so ist und sie als Frau darauf so reagiert, wie sie es tut, wird sie durch die neue Sicht entlastet. Das gleiche gilt natürlich umgekehrt.

Der Weg der Liebe ist nicht rosarot und hellblau. Er braucht grosse Anstrengungen. Er verlangt tagtägliche Auseinandersetzung mit der gegebenen Situation, in Verbindung mit dem Wissen, das uns zur Verfügung steht. Ihn zu gehen ist nur durch inneres Wachsen möglich, weil wir bei jedem Schritt mit den Hindernissen in uns konfrontiert werden, die uns von der Liebe trennen.

Der Weg der Liebe ist anspruchsvoll. Er ist aber der schönste Weg, den ein Mensch gehen kann.

Author; Agnes Hidveghy Categories: Verschiedene Themen

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