03
October
2017

Das Wunder der Wandlung

Die Raupe

Es war einmal... (Wäre es nicht richtiger so: «Es ist immer wieder einmal?»)

 

...eine kleine Raupe. Sie war eine sehr tüchtige Raupe und noch dazu eine hübsche. Sie hatte einen grün schimmernden Rücken, sie war gesund und kräftig, lebensfroh und nicht satt zu kriegen. Im grünen Blätterwald war sie zusammen mit ihren vielen Geschwistern auf die Welt gekommen, und sie kannte ihre Eltern nicht. Obwohl manche behaupten, dass dieser letztgenannte Umstand sehr schädliche Auswirkungen in Bezug auf den Appetit einer Raupe haben könnte, war es weiter auch nicht schlimm, weil unsere kleine Raupe sehr früh in ihrem Leben erfasste, worauf es ankommt: Möglichst schnell gross und stark zu werden. Dazu brauchte sie nur zwei Regeln einzuhalten. Erstens: zu fressen, soviel es nur möglich war und zweitens: sich gut zu tarnen, damit sie nicht gefressen wurde. Der Urwald des dichten Laubwerkes bot ihr dazu die allerbesten Bedingungen.

So wuchs unsere kleine Raupe schnell heran, schneller als ihre Geschwister, die etwas schwerer von Begriff waren. Die brauchten einfach länger, bis sie erfasst hatten, worauf es ankommt. Wenn sie überhaupt so lange am Leben waren und nicht schon vorher aus irgendeinem Grund verschwanden. Das aber hat unsere kleine Raupe wenig bis gar nicht gekümmert. Sie war mit ihrem Leben voll beschäftigt, da gab es keine freie Minute, sich um überflüssige Dinge Gedanken zu machen. Bis ihr eines Tages...

...etwas Merkwürdiges geschah. Zuerst spürte sie von oben einen sanften Hauch. Sie konnte sonst nichts ausmachen, weil sie ihren Kopf nicht so hochheben konnte, wie es nötig gewesen wäre, um etwas sehen zu können. Obwohl sie wusste, dass gerade von oben immer Gefahr drohte, hatte sie eigenartigerweise keine Angst. Sie konnte sich nicht erklären, warum – sie hatte sowieso nur ein sehr kleines Köpfchen, mit dem sie nur sehr einfache Sachen verstehen konnte – aber dieser Hauch berührte sie auf eine seltsam faszinierende Weise. Und zu flüchten wäre es sowieso zu spät – wenn das unbekannte Phänomen für sie doch gefährlich wäre... So duckte sich unsere kleine Raupe etwas, schmiegte sich an den Ast, an dem sie gerade hochkletterte, ja, sie verschmolz sozusagen mit ihm. Und sie war ganz Ohr, um das weitere Geschehen ja nicht zu verpassen.

Die kleine Raupe vernahm eine feine, zarte Stimme. Die hat etwas von Freiheit erzählt, die sie auch erreichen könnte, wenn sie wollte. Sie verstand nicht so richtig, um was es bei dieser «Freiheit» ging, da sie sich sowieso frei fühlte: Sie konnte sich doch frei zwischen den Zweigen und Blättern zu den besten Futterplätzen bewegen, niemand hinderte sie am Fressen. Und sie konnte sich schützen, weil sie sich auf ihre innere Stimme verlassen konnte, wenn es darum ging, das Richtige zu tun. Was sollte sie noch mehr erreichen wollen? Die Stimme sprach auch von ungeahnten Möglichkeiten – was sowieso dumm von ihr war, wie soll man sich nämlich etwas vorstellen, wovon man keine Ahnung hat und was man (Raupe) nicht kennt? Das alles machte keinen Sinn. Dann aber geschah etwas, das in ihr Angst auslöste. Eine unbekannte Angst. Sie verstand nicht so genau, worum es ging, aber es war vom Sterben die Rede (ist damit das Verschwinden der anderen gemeint?) und von Wandlung (???), vom Auferstehen (warum sagt sie nicht einfach erwachen; ich erwache doch jeden Morgen neu?) und vom Sich-erheben (wohin? wozu?). Etwas war da noch mit einer kleinen Kammer und mit Dunkelheit, (das fehlt mir noch!) wovon es Gottseidank weit und breit keine Spur gab, da es ein wunderschöner, sonniger Tag war. «Mit all dem will ich nichts zu tun haben,» – war die eindeutige, klare Antwort im winzigen Köpfchen und auch im wild klopfenden Herzlein.

Unsere kleine Raupe suchte schleunigst das Weite, das heisst, das nächste saftige Blatt, um all das merkwürdige Gerede möglichst schnell zu vergessen. Sie frass wild darauf los, fühlte sich stärker denn je und unerschütterlich sicher in ihrer Haut. Sie spürte: Sie sei in Ordnung und die Welt sei in Ordnung.

Einige Tage vergingen. Allmählich aber stellte sich etwas Besonderes ein, was sie noch nie erlebt hatte: Sie hatte nicht mehr so richtig Appetit. Das zarteste Grün schmeckte ihr immer weniger, und das Beunruhigende war, dass sie sich nicht erklären konnte, warum. Das Fressen widerstrebte ihr sogar mit der Zeit. Das muss wieder in Ordnung gebracht werden, dachte sie mit der gesunden Logik einer kleinen, klugen Raupe, die in ihrem Leben nie krank war.

Irgendwann begriff sie endlich: Sie brauchte Hilfe. So wandte sie sich an die Nachbarin – sie schien vertrauenswürdig, da sie sich mit gutem Appetit durch die Blätter frass. Die zuckte aber nur mit ihren Fühlern, und weil sie gesund war, wusste sie natürlich nicht, was zu tun ist, wenn man (Raupe) nicht gesund ist. Aber sie hat auf jeden Fall mit ihrem Verhalten unsere kleine Raupe in der Überzeugung bestärkt, dass sie nicht in Ordnung ist, dass sie an einer Krankheit leidet, die geheilt werden muss. Sie wollte doch wieder gesund werden, wie früher, sie wollte wieder in ihr sorgloses Leben zurück.

Unsere kleine Raupe aber zog sich in sich selbst zurück. Lustlos, entmutigt, ratlos, sie fühlte sich unverstanden und hilflos. Noch nie hatte sie sich so einsam gefühlt. Gleichzeitig war sie aber von einer Unruhe erfasst, die sie auch noch nie erfahren hatte. Was geschah mit ihr? Sie konnte sich nicht verstehen, aber sie konnte dem eigenartigen Drang auch nicht widerstehen.

Sie begann, aus ihrem eigenen Lebenssaft Fäden zu spinnen und sich darin zu verwickeln. Ja, ihr war nicht zu helfen, davon war sie endgültig überzeugt. Sie war schon so umwickelt, dass sie sich kaum bewegen konnte, aber sie konnte noch durch das Fadengewirr hinaussehen. Da flatterte ein überirdisches Wesen heran (für Raupenaugen war es wenigstens als solches klar erkennbar), liess sich in der Nähe nieder und kam mit seinen Fühlern ganz nah an die eingeschlossene, hilflose Raupe heran. «Hilf mir!» wollte unsere Kleine schreien – aber es kam keine hörbare Stimme aus ihr heraus. Das himmlische Wesen aber verstand offensichtlich den lautlosen Schrei. Es antwortete – auch auf lautlose, aber der kleinen Raupe eigenartigerweise doch verständliche Art. Das geflügelte Wesen beruhigte sie, dass schon alles in Ordnung sei. «Jetzt geschieht all das, was bereits angekündigt wurde, du sollst keine Angst haben und dich nicht gegen das wehren, was mit dir geschieht, du kannst doch nicht den Lauf der Dinge ändern. Du kannst sowieso nicht erfassen, wozu das alles gut ist. Auch wenn die Nachbarin anderer Meinung ist, spielt es keine Rolle. Was nützt die noch so sicher vorgetragene Meinung von jemandem, der nicht weiss, was du tief in deinem Herzen erlebst? Höre nur auf dein Herz.»

Wie gern hat unsere kleine Raupe das gehört! Irgendwie wusste sie auch, dass das geflügelte Wesen die Wahrheit sprach. Sie wollte aber nicht sterben, sie wollte nicht nicht-sein. Sie wollte weiterhin das Leben, das sie kannte, leben. Sie wollte weiterhin als Raupe leben, das war bis jetzt gut und hatte sich bis jetzt bewährt. Nein, nicht verschwinden in einem engen, dunklen Kerker, nicht ohne Fressen sterben müssen, nicht ohne Licht und Bewegung in der Einsamkeit ersticken. Eine letzte Auflehnung – aber die half nicht mehr, aus den selbstgeflochtenen Verwicklungen zu entfliehen. Es kamen auch noch andere Raupen dazu – die eigenen Geschwister und Fremde – die starrten sie nur mitleidig an. Einige versuchten sogar, ihr gutgemeinte Ratschläge zu geben, wie sie sich befreien und zu einem gesunden Raupenleben zurückfinden könnte. Unsere kleine Gefangene wusste aber: Es gibt kein zurück.

So gab sie dem inneren Drang nach – was hätte sie noch tun können? – und spann sich noch mehr ein – bis sie in ihrem Kokon vollständig eingewickelt war. Sie tat es, weil sie nicht anders konnte, auch wenn sie in dem, was sie tat, keinen Sinn erkannte.

Als sie fertig war – oder konnte sie nur nicht weiter, weil sie vollkommen erschöpft war? – kam ein Friede über sie, der für sie wiederum etwas Neues war. Sie konnte nichts mehr tun, das war eindeutig. Der kleine Körper zuckte noch einige Male, aber das hat die kleine Raupenseele schon gar nicht mehr mitbekommen. Wo sie hingegangen war? ...wer kann das sagen?

Von aussen bestaunten die andere kleinen, mit Raupenverständnis ausgestatteten Köpfchen den Sarg, in dem ihr Schwesterlein verschwunden war. Wie schade für sie, dass gerade sie so endete! Die Gescheiteste (sie war als solche geachtet, weil sie etwas studiert hat, was mit Niesen zu tun haben muss, weil es an den Laut, den die Raupe beim Niesen herausbringt, erinnert) sagte noch: «Sie hatte Depressionen,» und alle plapperten ihr nach. Dabei wusste nicht einmal die Gescheite, was Depressionen sind. ...Dann aber zerstreuten sie sich wieder schnell, damit die besten Futterplätze nicht von anderen besetzt wurden. ...und sie frassen munter weiter im Bewusstsein, dass sie in Ordnung sind...

Die kleine Raupe mit ihrem tragischen Schicksal wurde schnell vergessen. Niemand kümmerte sich darum, was in dem kleinen, undurchsichtigen Kämmerlein geschah. Und die kleine Raupe existierte nicht mehr, also von innen her konnte auch niemand etwas wahrnehmen und berichten, was vor sich ging.

Tatsache ist nur, dass eines Morgens der kleine Kokon erzitterte. Und noch einmal und immer wieder. Das konnte man von aussen her sehen. Leben regte sich darin und bahnte sich seinen Weg durch die Wände. Ein geflügeltes kleines Wesen, bunt und noch etwas unsicher, kämpfte sich durch ein Loch in die Freiheit. Als die Sonnenstrahlen das Leben in ihm gestärkt hatten, schlugen die kleine Flügel einige Mal zur Probe, und dann war der Weg frei ins Licht.

...Ob sie sich an ihr früheres Leben erinnert hat? War sie von der Reinkarnation überzeugt? Was hatte sie überhaupt mit der gestorbenen Raupe zu tun?

Zum Glück musste sie sich all das nicht mehr mit dem kleinen Raupenverstand überlegen: Ein himmlisches Wesen, vom Licht durchflutet, kümmert sich nicht um Leben und Sterben in der Zeit. Es lebt durch das Leben selbst.

Wenn der Schmetterling geboren ist, erkennt er ohne zu denken all das, was eine kleine Raupe nicht erkennen konnte.

Schmetterling

Author; Agnes Hidveghy Categories: Weisheiten

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