27
November
2018

Erwachen

 

Springe vom Zug des Klagens ab! (blaim-train) Reshad Feild

Am Morgen ist meine Seele sanft aus dem Schlaf aufgetaucht. Das Bitten vor dem Einschlafen war im Bewusstsein präsent: Ich bat um Klarheit, was ist die Ursache des Leidens in der konfliktreichen Situation, in welcher ich gerade drinstecke.

Ich schaute in das noch ruhige Wasser, auf dessen Oberfläche keine Bewegung die Klarheit genommen hat. Ich sah bis auf dem Grund: Das kristallklare Wasser liess mich bis auf den Grund sehen, wo durch hereinfallendes Licht die Kieselsteine glänzten. Alles ruhig und rein.

Erinnerung wurde mir geschenkt. Ohne grosses Getöse, sanft, wie eine Brise, sie war einfach da.

Ja, es ist ein tiefer Schmerz, wie es K. richtig wahrgenommen hat. Eine tiefe Verletzung, die nicht geheilt ist und immer wieder „blutet“. Jetzt habe ich die Wundmale verstanden, die stigmatisierte Leute haben und die ein Leben lang immer wieder aufbrechen. Sie können nicht „geheilt“ werden, weil sie nicht aus persönlichen Verletzungen her entstanden sind.

„Der Liebende steigt immer wieder hinunter, um zusammen mit anderen wieder hinauf zu steigen.“ Wo habe ich das her? Ich weiss es nicht mehr. Aber es muss bereits in meiner Jugend gewesen sein, als ich es aufschnappte. Es war ein Kernsatz, es war ein kostbarer Same, welcher sich in meiner Seele einnistete und keimte. Es hat sich mit meinem Wesen verbunden und von dort aus meine Seele mit Orientierung versorgt. Die Erfahrung hat diese Aussage immer wieder bestätigt.

Dieses „Hinuntersteigen“ war immer ein „sich hinein-stürzen“ in die Beziehung und durch das Energiefeld des Anderen eine Vermischung von unterschiedlichen Frequenzen. Ein hinunter-tauchen in eine „unreine“ Welt des Werdens, mit allen Konsequenzen: Ein hinein-springen in den Strudel, wo der Andere um Atem ringt, anstatt vom Ufer her ihm einen langen Stock hin-zureichen. Es war immer eine innige Berührung und eine gemeinsame Bemühung ans Ufer zu gelangen. Es war immer das Verlassen des tragenden Bodens. Ich gelang auch in die Bedrängnis, weg geschwemmt zu werden, ich musste auch um Atem ringen.

Genauso, wie in den vergangenen Wochen. Wie ich auch suchte, habe ich in den Konflikten keinen „Schuldigen“ gefunden, weder draussen, noch in mir. Und dadurch wurde das kleine „ich“ verwirrt. Das kleine ich in mir, das immer noch in einer Nische der Trennung eingekapselt ist.

Ja, es wollte nicht sterben, damit das Leiden am Mensch-Sein, ohne Trennung, meine Seele nicht durchflutet. Dabei ist die trennende Haut zwischen „du und ich“ so durchlässig, durchlöchert, dass es keinen Unterschied mehr gibt zwischen „deiner“ und „meiner“ Unvollkommenheit. Keine Trennung zwischen „deiner“ und „meiner“ Seele.

Das kleine Kind konnte damals das Leiden nicht ertragen, was durch die Scham einer menschenunwürdigen Situation entstand und zog sich in die Trennung in die Nische des kleinen Ich zurück. In die Trennung der Vereinsamung im „Kleinen Ich“. Jetzt gibt es „für mich“ keine Möglichkeit mehr in ein „ich“ zurückzuziehen, weil dieses „Ich“ am zerbröckeln ist.

Was auch geschieht, ist es eine Teilnahme am Prozess des Werdens. Die Wachstum Schmerzen sind nicht mehr die „meinen“ oder die der „Anderen“. Es ist ein Schmerz, welcher wie die Wundmale Christi immer wieder aufbrechen werden, solange es Leiden gibt.

Jesus wurde gefragt: „Nichtwahr, du hast viel gelitten?“ Seine Antwort: „Ich habe nie gelitten.“

Erst wenn Jesus unseres Wesens geboren und herangewachsen ist, gibt es ein Zufluchtsort, wo die Seele sich ausruhen kann. Von dort aus ist es möglich, an dem „Leid der Welt“, als Prozess des Werdens, Teil zu nehmen. Ohne darunter zu leiden. Von dort aus geschieht auch Heilung: von dort aus wird ein Prozess eingeleitet, die zur Wandlung führt. Durch den inneren „Heiland“ wird der Weg zur Einheit ermöglicht.

Danke, für die Klarheit, welche mir wieder einmal geschenkt wurde. Es ist ein untrügliches Zeichen, dass „wir“ zusammen das Ufer wieder einmal erreicht haben.

Am Anfang bricht das Böse durch die Ritzen des Bollwerks. Später kann es nur dort hereinbrechen, wo noch Mauerresten stehen.

Es geht nicht darum, das Gegenüber in seiner Überlebenskampf von sich fern zu halten und „Cool“ zu bleiben. Das würde einen Schritt zurück in die Trennung bedeuten. Es geht nicht darum, aus dem Leiden wie ein Luftballon aufzusteigen. Die Schwierigkeit besteht darin, dass mit wachsender Durchlässigkeit und „durchgelöcherter“ Haut die Energie vom Anderen in mir hineinströmt. Ich fühle mich beschmutzt, „unrein“, ich werde hässlich durch die Augen des Gegenübers, der mich in seinem Kampf ums Überleben nicht sehen kann. Urteile, die ausgeteilt werden auf Grund von Unverständnis und Interpretation aus der Froschperspektive, kann ich nicht ausschließen. Das Unvollkommene – das „Sündige“, wie man es früher genannt hat – erhält Bestätigung für seine Existenz. Einen „Schutz“ aufzubauen – wie das in der Psychologie empfohlen wird, ist ein Unsinn hier, es würde doch wieder zurück in die Trennung zurückführen! Ich kann gut verstehen, dass viele, die an dem Punkt angelangt sind, sich von der Welt zurückziehen. Sie wählen Einsamkeit, damit die „letzten Wände“ in einem geschützten Raum auch zerbröckeln und fallen können. Bis kein „ich“ mehr da ist, welche noch Einheit verhindern würde. Bis es soweit ist, dass das „Böse“ keine Angriffsfläche mehr findet. Es heißt doch: „Am Anfang bricht das Böse durch die Ritzen des Bollwerks. Später kann es nur dort hereinbrechen, wo noch Mauerresten stehen“.

Unvollkommenheit ist keine Schuld, sie ist eine Aufgabe.

Am schwersten zu ertragen sind eigene unerwünschte Reaktionen, welche andere Verletzen, einen Konflikt verschärfen, anstatt zu schlichten. Diese Reaktionen emotional nicht zu werten ist eine große Herausforderung. Dabei bleibt immer noch ein Rest von Unvollkommenheit am Wesen hängen, solange unser zu Hause im Körper ist.

Für mich braucht es Mut, die Unreinheit, die in mir von außen hereinströmt als nicht zu mir gehörige anzuerkennen und nicht sofort mich dadurch „infizieren“ zu lassen. Wenn ich diesen Mut nicht aufbringe, ist die Unsicherheit bezüglich meiner Identität die Folge. Sofort ist die Frage wach: „Wo ist in dir die gleiche Unreinheit, welche durch dem Gegenüber Ausdruck findet?“ Damit bin ich auf die Ebene von noch „bestehenden Mauern“ der Identifikation heruntergefallen und bin der Steinigung durch Konzepte ausgeliefert. Konzepten, welche nicht mehr „innerhalb“ oder „außerhalb“ von mir sind, die einfach zu dieser Ebene der „Mauer“ gehören, ja, ihr Wesen bilden.

Wie könnte ich offen sein und die Unvollkommen-Sein des Anderen ausschließen? Nein, das ist nicht der Weg zur Einheit! Anerkennen, dass auch in mir Ansätze der Unvollkommenheit sind, die angesprochen werden, wie in jedem Menschen. Ich bin unvollkommen, die andere Person ist unvollkommen – die Situation, in welcher wir uns begegnen ist unvollkommen. Es ist nicht möglich „richtig“ zu handeln. Aber alles, was „falsch“ ist, kann sich als notwendige Zugabe im Prozess des Werdens entpuppen. Und woher weiß ich, was mein Gegenüber auf seinem Weg braucht? In Demut annehmen, dass meine eigene Schwäche als eine nötige Herausforderung für andere auch gebraucht werden kann. Es ist die Judas-Rolle – die Rolle, die in der Welt seit 2‘000 Jahren unverstanden geblieben ist.

Das tiefe Bedürfnis in mir, alles „richtig“ zu machen, „um jeden Preis“ Harmonie anstreben, leidet. Was kann ich dafür tun, dass dieses Leiden eliminiert wird? Was muss ich lernen dadurch? Mit dieser Frage wandte ich mich vor über 30 Jahren zu einer spirituellen Lehrerin, welche seit 25 Jahren den Rollstuhl nicht verlassen konnte. Eine Weile schaute sie in den Raum – das Bild ist immer noch ungetrübt, wie wenn es gestern geschehen wäre – bevor sie sanft antwortete: „Ich glaube nicht, dass sie damit etwas „machen“ sollten. Es ist auch nicht so, dass sie etwas dabei „lernen“ müssen. Sie erhalten diese Situation, um sie einfach zu ertragen.“ Diese Aussage wurde zu einem Wendepunkt in meiner inneren Arbeit.

ErwachenDas ist es, was Gurdjieff „absichtliches Leiden“ genannt hat: Die Unvollkommenheit im Prozess des Werdens in mir und in der Welt ohne irgendwelche Kommentare, Analyse, Wertung zu ertragen. Ohne zu bohren, woher etwas kommt. „Die Erklärungen sind nicht die Ursache“ sagt Reshad Feild. Ja, wir verwechseln die Beiden immer wieder. Unser Verstand will eine klare lineare Erklärung finden, damit seine Herrschaft gesichert ist.

Die einzige Aufgabe in einer unvollkommenen, spannungsgeladenen Situation liegt in der Arbeit der Transformation durch den bewussten Atem. Das liegt einzig und allein bei mir – das ist meine Verantwortung. Die Rollenverteilung im äußeren Geschehen spielt sich ab, mit der Beteiligung meiner eigenen Unvollkommenheit. Das ist „ganz Mensch sein.“

Der verwirklichte Mensch kann die ihm vom Schöpfer zugedachte Aufgabe erfüllen.

Der Mensch ist auf das Ebenbild des Schöpfers erschaffen. Das heisst, er ist mit schöpferischen Fähigkeiten ausgestattet.

Wozu braucht die Schöpfung Wesen, die sozusagen zu Kooperation mit dem Schöpfer vorgesehen sind?

Damit der Mensch an der „Erlösung“ Teil nimmt. Könnte eine Antwort sein.

So, wie wir sind, „halb-fertig“, übersteigt diese Aufgabe unsere Fähigkeiten. Die Aufgabe, zuerst uns zu „vervollkommnen“, ist der erste Schritt um überhaupt „Helfer Gottes“ zu werden. Um die Wahrnehmung des Einsseins als Brücke zwischen der Vielheit und Einheit vermitteln zu können.

 

Fide Me

erwachen

Das letzte Bild des Isenheimer Altars, die „Versuchung des heiligen Antonius“ ist eine geniale Komposition um diese „Brücken-Funktion“ darzustellen.

Der Schlüssel zum Bild ist der kleine Zettel, der in der unteren rechten Ecke des Bildes an dem morschen Baumstrunk angeheftet ist:

Auf dem Zettel steht die Frage: „Wo warst du guter Jesu, wo warst du, warum bist du nicht hier gewesen und hälfest und heiltest meine Wunden?“

Es wäre noch Platz für eine Antwort auf dem Zettel. Sie ist aber in dem morschen Stamm „eingewachsen“, bevor die Frage entstanden ist: „Fide me“. „Vertraue mir.“

Die Antwort erhalten wir nicht auf unsere Fragen – sie ist aber in der Vergänglichen Formen des Lebens tief eingegraben, jenseits der durch unseren Verstand formulierten „bewussten“ Frage. Die Antwort ist gegeben, bevor die Frage entstand. Die Ursache, der Sinn, der Zweck von schmerzlichen Prozessen ist jenseits der Zeit, in der Ewigkeit. Die Ursache, das „Warum“ kann nicht mit Erklärungen beantwortet werden, welche uns als psychologische Zusammenhänge oder als Reinkarnationslehre in der Linearität der Zeit festhalten.

 

Author; Agnes Hidveghy Kategorie: Isenheimer Altar

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Tuesday, 11 December 2018 19:58

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