13
May
2009

Wo sich die Wege treffen

Es heisst: Im Paradies, wo wir alle herkommen, ist eine Quelle, die einen Strom speist, der sich in vier Arme teilt. (1 Mose 2, 10) Diese Ströme fliessen in die Welt hinaus und machen das Land fruchtbar. Die tragen auch uns aus dem Garten Eden in das Leben hinaus. Sie spülen uns fortwährend in die Welt der Erscheinungen, in die Welt der Dualität. Unsere Aufmerksamkeit ist durch diese Ströme erfasst und nach aussen gerichtet, durch sie sind wir auf all das fixiert, was wir Leben nennen. Das Leben nimmt uns voll in Besitz, beschäftigt uns ohne Unterlass. Wir sind im Strom der Zeit, in den Prozessen unseres Lebens, gefangen. Wir sind durch unsere menschliche Strukturen vierfach in der Abhängigkeit: Wir sind abhängig von körperlichen Vorgängen, von unseren emotionalen Reaktionsmustern, von unseren mentalen Konzepten und von den Impulsen, die wir erhalten – oder nicht.

Die vier Ströme – oder wie die kosmologische Astrologie sie nennt, die vier Elemente – halten uns fest im Rahmen der gegebenen Strukturen. Diese Strukturen bilden eine dichte Vernetzung und begrenzen uns, indem sie unsere Identität ausmachen. Spirituelle Traditionen haben Wege – Methoden – entwickelt, unsere Seele aus dieser Identität aus dem Lebensprozess herauszulösen und uns auf unserem Weg nach Hause zu begleiten.

Wozu sind wir überhaupt auf diesen Weg geschickt worden? Gibt es einen Auftrag zu erfüllen?

Anagni Kathedrale Universum
Anagni Kathedrale: Universum


In dem Lied von der Perle (Der Hymnus von der Seele) aus den Apokryphen Thomas-Akten ist die schönste Formulierung, was ich je gelesen habe, unseres menschlichen Auftrages beschrieben:

„Bedenke, dass du ein Königssohn bist.
In wessen Sklaverei bist du geraten!
Erinnre dich der Perle, um deretwillen
Du nach Ägypten gesandt worden bist.
Erinnere dich an dein Glanz-Gewand,
Und an den Strahlenmantel,
Mit dem du wieder geschmückt werden sollst.
Ja, dein Name ist genannt im Buche des Lebens,…“
(Ausschnitt)

Sein und Werden

Die Sufis sagen, die Schöpfung geschieht in einem einzigen Augenblick. In einer anderen Dimension, jenseits der Zeit – in der Ewigkeit. Mit unserem, in der linearen Zeit gefangener Bewusstsein können wir das nicht nachvollziehen. Dieses ewige JETZT manifestiert sich in jedem Augenblick in der Zeit. Das wahrzunehmen ist möglich, wenn wir fähig sind, in dem gegenwärtigen Moment bewusst zu sein. Das ist die tiefe Bedeutung von dem Begriff Bewusstsein: BEWUSST-SEIN.

Das, was IST, existiert in einer höheren Dimension im ewigen Jetzt, kann nur als ein „Nacheinander“ in der Zeit erlebt und beschrieben werden. Der Garten Eden, mit den vier Strömen, die aus ihm hinausströmen, ist in uns, das Bild beschreibt unsere eigene Wirklichkeit. Es IST unsere eigene Geschichte, so, wie wir heute hier sind. Zeitlos und in der Zeit, gleichzeitig. Mit „uns“ ist jedes menschliches Wesen in der Schöpfung gemeint.

In den verschiedenen spirituellen Traditionen ist die Wirklichkeit des MENSCHEN in unterschiedlichen Geschichten und Bildern dargestellt. All diese Beschreibungen kommen von der gleichen Erfahrung. Sie beschreiben die gleiche Wirklichkeit. Diejenige, die diese Wirklichkeit erleben, erkennen sich in den verschiedenen „Verkleidungen“.

„Es gibt so viele Wege, wie menschliche Wesen in der Schöpfung. Aber es gibt nur einen Weg.“ Sagen die Sufis.

Freiheit und Absicht

Die Globalisation entspricht dem Geist der Neuen Zeit – dem Zeitgeist des Wassermann Zeitalters. Die Grenzen – die sowohl schützen als auch behindern – schmelzen dahin. Das bedeutet, dass Religionen und spirituelle Traditionen den Suchenden nicht mehr in geschützten Rahmen leiten und begleiten können. Die ganze Vielfalt von Wegen ist offen, für alle zugänglich. Jeder Mensch kann seinen eigenen Weg suchen und aus dem Angebot in „do it yourself“ Verfahren zusammenstellen. Unsere Zeit schenkt uns eine Freiheit, die auf dem Planeten aussergewöhnlich ist. Niemand – kein Guru, kein Lehrer, kein Seelsorger oder Psychologe - kann die Verantwortung für uns übernehmen. Wir sind Erwachsene geworden.

Diese Freiheit bietet Chancen, die wir nicht hoch genug einschätzen können. Sie birgt gleichzeitig Gefahren in sich. Ob wir die darin liegenden Möglichkeiten nutzen können oder in dem Dschungel von unterschiedlichen Formulierungen und Praktiken uns verirren, hängt einzig und allein davon ab, ob wir uns über unsere Absicht im Klaren sind.

So lautet die entscheidende Frage: Was ist meine Absicht? Bin ich hellhörig genug, um die Absicht meines Herzens wahrzunehmen? Bin ich mutig genug, bedingungslos dieser Absicht als einzige, richtunggebende Instanz zu folgen? Kann ich auf das Vertrauen bauen und gleichzeitig die Klarheit des gesunden Menschenverstandes benutzen?

Wie finden wir den Weg zurück ins verlorene Paradies? Durch die Erinnerung, die zum Wesen unserer Seele gehört, sind wir auf der Suche nach diesem Weg. Gibt es einen Weg „zurück?“ Es steht doch der Cherubim mit dem feurigen Schwert am Eingang und bewacht den „Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen“, der gleichzeitig der Baum des Lebens ist. Es gibt doch nur einen Baum in der Mitte des Paradieses. Der „erste“ hat uns ermöglicht, einen Weg zu gehen, der „zweite“ wartet auf uns am Ende des Weges.

Umkehr (Metanoia)

…Und die vier Ströme spülen uns jeden Augenblick noch weiter weg durch die Verwicklungen, in denen wir im Leben stecken: Liebe, Kampf für das Überleben, Gesundheit, Verpflichtungen, Bedürfnisse und Erwartungen an uns und die Welt, Vergnügen und Entäuschungen beschäftigen uns andauernd.

Wir sind voll geladen mit schwerem Gepäck: Wir schleppen Erinnerungen jeglicher Art mit uns. In ihnen sind unsere Bedürfnisse, Vorstellungen, Erwartungen, Konzepte eingepackt. Dieses Gepäck bildet den Widerstand, in welchem die Ströme uns erfassen und mitreissen können.

Jede spirituelle Praxis beinhaltet das Auflösen der Inhalte von unserem Gepäck. Wir können es nicht einfach „loslassen“, weil unsere Identität darin eingebunden ist. Eine Traumanalyse kann z. B. zur Befreiung von Vergangenheitsmuster führen. Das Sitzen im Zen hat den gleichen Zweck. Das Herzensgebet lässt die konditionierten Reaktionsmuster aushungern. Im Christentum wird dieser Prozess Erlösung genannt.

Wir kommen aus der Stille. In der Stille kommen wieder alle Wege zusammen. Dort münden wir wieder in dem Einen Strom, an dem Ort, der vor der Teilung in vier Ströme, am Anfang ist. „Am Anfang“, der in der Ewigkeit zu aller Zeiten IST.

Author; Agnes Hidveghy Categories: Verschiedene Themen

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